{"id":72995,"date":"2023-07-11T16:17:30","date_gmt":"2023-07-11T14:17:30","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=72995"},"modified":"2023-07-28T11:34:37","modified_gmt":"2023-07-28T09:34:37","slug":"wie-man-panik-und-crashs-in-der-finanzwelt-verstehen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/wie-man-panik-und-crashs-in-der-finanzwelt-verstehen-kann\/","title":{"rendered":"Wie man Panik und Crashs in der Finanzwelt verstehen kann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der \u00d6konom Eugene N. White hat die vom Bankhaus Metzler und der Friedrich Flick F\u00f6rderungsstiftung gef\u00f6rderte Gastprofessur im Sommersemester 2023 \u00fcbernommen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Oekonom.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Oekonom.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72942\" width=\"333\" height=\"228\"\/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Eugene N. White.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Finanzhistorisches Wissen ist f\u00fcr etablierte Finance-Expertinnen und -Experten ebenso wie f\u00fcr Finance-Studierende geradezu unverzichtbar. Nicht zuletzt in Zeiten anhaltender Instabilit\u00e4t und beschleunigten Wandels im Finanzsystem bleibt das Gr\u00fcndungsmotiv der seit 2014 bestehenden Stiftungsgastprofessur Financial History an der Goethe-Universit\u00e4t hochaktuell. Die vom Bankhaus Metzler und der Friedrich Flick F\u00f6rderungsstiftung gef\u00f6rderte Gastprofessur wurde im Sommersemester 2023 mit Eugene N. White, \u00d6konom und Finanzhistoriker an der Rutgers University, New Jersey, USA, erneut prominent besetzt. Vortragsveranstaltungen sowie eine internationale Konferenz gemeinsam mit dem House of Finance, dem Leibniz-Institut SAFE sowie dem Institut f\u00fcr Bank- und Finanzgeschichte sprechen wie \u00fcblich auch die breitere \u00d6ffentlichkeit an. Nicht zuletzt dank Eugene N. Whites gro\u00dfer Forschungsneugierde d\u00fcrfte der intensive Gedankenaustausch im Rahmen der Gastprofessur zahlreiche neue Ideen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Projekte hervorbringen. Auch die beiden F\u00f6rderer der Stiftungsgastprofessur, das Bankhaus Metzler und die Friedrich Flick F\u00f6rderungsstiftung, freut das. Denn j\u00fcngst haben sie zugesagt, ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr den weiteren Ausbau des in den vergangenen Jahren um die Frankfurter Gastprofessur entstandenen Netzwerks finanzhistorischer Forschung zu verl\u00e4ngern.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Der renommierte Wissenschaftler skizziert f\u00fcr uns einige Schwerpunkte seiner Forschung im Kontext der US-Finanzgeschichte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin vom finanzhistorischen Ansatz \u00fcberzeugt, weil er eine l\u00e4ngerfristige Perspektive auf die raschen Ver\u00e4nderungen der Finanzm\u00e4rkte und -institutionen bietet\u201c, so White. Die Studierenden gewinnen ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, wie sich Daten in Abh\u00e4ngigkeit von der Entwicklung der Institutionen ver\u00e4ndern, und sie lernen, kritische Fragen zu stellen, die sowohl von der Vergangenheit als auch von der Gegenwart gepr\u00e4gt sind. \u201eDas beste Argument f\u00fcr die Finanzgeschichte ist, dass Finanzkrisen seltene Ereignisse sind und \u00fcblicherweise angenommen wird, dass \u201adiesmal alles anders ist\u2018, oder \u2013 sobald auf die Krise mit neuen Regeln und Vorschriften reagiert wurde, das \u201anie wieder passieren\u2018 k\u00f6nne.\u201c W\u00e4hrend er seine Doktorarbeit in Wirtschaftswissenschaften an der University of Illinois-Urbana schrieb, besch\u00e4ftigte sich White mit der Untersuchung der in den USA viel beachteten politischen Innovation der Einlagensicherung. Merkw\u00fcrdigerweise f\u00fchrten die USA die Einlagensicherung trotz fr\u00fcherer Erfahrungen mit den damit einhergehenden Moral-HazardRisiken ein. Denn nach der Bankenpanik von 1907, auf die die Bundesregierung mit der Einrichtung einer Zentralbank, der Federal Reserve, reagierte, hatten sieben Bundesstaaten jeweils staatliche Einlagensicherungssysteme etabliert, die infolge der dadurch ausgel\u00f6sten \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Risikobereitschaft bis Ende der 1920er Jahre alle in Konkurs gingen.<\/p>\n\n\n\n<p>White fragte sich, weshalb 1933 mit der Federal Deposit Insurance Corporation dennoch ein mit solchen M\u00e4ngeln behaftetes staatliches System eingef\u00fchrt wurde. Weitere Nachforschungen ergaben, dass die Forderung nach einer Einlagensicherung bereits in den 1890er Jahren aufgekommen war und dem Kongress Gesetzesentw\u00fcrfe f\u00fcr Garantiepl\u00e4ne vorgelegt worden waren. Die regionalen Urspr\u00fcnge legen eine politische Tatsache offen, die f\u00fcr die FDIC wie f\u00fcr s\u00e4mtliche fr\u00fcheren Einlagensicherungssysteme gilt: Im Gegensatz zur Lehrbuchmeinung war die Einlagensicherung nicht das Produkt einer klugen Regierung, die versuchte, die \u00c4ngste der \u00d6ffentlichkeit vor Bankzusammenbr\u00fcchen in den Griff zu bekommen, sondern eine konzertierte Aktion kleinerer regionaler Banken, sich gegen\u00fcber den Gro\u00dfbanken zu behaupten, die sich aufgrund ihrer Gr\u00f6\u00dfe und Diversifizierung selbst gegen Verluste absichern konnten. Weder der US-Pr\u00e4sident, die Federal Reserve, die Gro\u00dfbanken noch die f\u00fchrenden Wirtschaftswissenschaftler waren f\u00fcr die FDIC. Man winkte deren Gr\u00fcndung jedoch durch, da man die Unterst\u00fctzung der kleinen Banken f\u00fcr andere Reformpl\u00e4ne ben\u00f6tigte. White zeigte ferner, dass sich nach Einf\u00fchrung der FDIC der Anteil der versicherten Einlagen erh\u00f6hte und alle Finanzintermedi\u00e4ren erfasste, deren Verluste damit letztlich sozialisiert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eW\u00e4hrend es unwahrscheinlich ist, dass die Amerikaner ein Programm, das die Verantwortung f\u00fcr die Identifizierung und Sanierung riskanter Banken auf die Regierung \u00fcbertr\u00e4gt, einfach aufgeben\u201c, sagt White, \u201efand die Weltbank die Ergebnisse meiner Studie n\u00fctzlich, um die Entwicklungsl\u00e4nder davon zu \u00fcberzeugen, ihre eigenen Einlagensicherungssysteme aufzuschieben oder zu begrenzen.\u201c In den USA hingegen fanden in der beginnenden Savings- and Loan-Krise ab Ende der 1970er Jahren die Spar- und Darlehenskassen bei den staatlichen Gesetzgebern mit ihrem Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen staatlichen Einlagensicherungsfonds Geh\u00f6r. Zwei Fonds brachen ebenso schnell zusammen wie die nach 1907 eingef\u00fchrten Sicherungssysteme. \u201eIch habe daraufhin \u2013 in der Hoffnung, weitere Staaten von der Planung \u00e4hnlicher Sicherungssysteme abzubringen \u2013 im Wall Street Journal die historischen und zeitgen\u00f6ssischen Hinweise erl\u00e4utert, die zeigen, dass solche Ma\u00dfnahmen von Anfang an den Keim ihres eigenen Untergangs in sich tragen\u201c, erinnert sich White.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<h3 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><em>\u00bbMan nahm an, der B\u00f6rsenkrach<br>von 1929 k\u00f6nne sich nie wiederholen\u00ab<\/em><\/h3>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>\u201e\u00c4hnlich hoch im Ansehen wie die Einlagensicherung stand das Glass-Steagall-Gesetz, das es einer Bank verbot, Gesch\u00e4ftsund Investmentbanking zu kombinieren. Die in den Anh\u00f6rungen des Kongresses immer wieder theatralisch vorgetragenen Beweise konzentrierten sich auf die Behauptung, dass \u201aUniversalbanken\u2019 durch die Ausnutzung von Interessenkonflikten zum Nachteil ihrer Kunden profitiert und zur Ausl\u00f6sung der Gro\u00dfen Depression beigetragen h\u00e4tten. Ich war misstrauisch gegen\u00fcber diesen Thesen, die sich auf einige wenige Ausrei\u00dferbeispiele st\u00fctzen, stellte entsprechende Daten zusammen und wies als erste \u00f6konomische Studie nach, dass Universalbanken keine Verursacher finanzieller Instabilit\u00e4t waren\u201c, so White. \u201eEs stellte sich sogar heraus, dass sie weniger risikofreudig waren und weniger Konkurse aufwiesen. Untersuchungen anderer Wissenschaftler untermauerten sp\u00e4ter, dass auch die anderen Behauptungen des Kongresses falsch waren. Als die Aufhebung des Glass-Steagall-Gesetzes diskutiert wurde und Kritiker behaupteten, es erh\u00f6he die Kosten f\u00fcr Finanzdienstleistungen, wurde mein bahnbrechendes Paper von einigen Investmentbanken, darunter J.P. Morgan, diskutiert und zweimal in Anh\u00f6rungen im Kongress vorgestellt. Das Gesetz wurde 1999 schlie\u00dflich kassiert.\u201c W\u00e4hrend der Finanzkrise von 2007\u20132008 machten viele Experten zwar die Aufhebung des Gesetzes als entscheidenden Ausl\u00f6ser verantwortlich, f\u00fcr White war es aber, so sagt er, relativ einfach, die Aufhebung des Gesetzes zu verteidigen, da nicht die neu entstandenen Universalbanken, sondern die traditionelleren, eigenst\u00e4ndigen Investmentbanken im Mittelpunkt der Krise standen.<\/p>\n\n\n\n<p>White erinnert daran, dass der Glaube an die im Rahmen des New Deal ergriffenen Korrekturma\u00dfnahmen so gro\u00df war, dass man annahm, der B\u00f6rsenkrach von 1929 k\u00f6nne sich nie wiederholen. Dann ereignete sich der B\u00f6rsencrash im Oktober 1987. \u201eIch fragte mich, ob jemand moderne Methoden der Finanzanalyse angewandt hatte, um den damaligen B\u00f6rsenabsturz zu analysieren. Nein, das letzte Werk, das die Ansichten der \u00d6ffentlichkeit und der Experten gepr\u00e4gt hatte, war John Kenneth Galbraiths The Great Crash 1929, das 1954 geschrieben wurde, in dem Jahr, in dem der Dow-Jones-Index wieder seinen H\u00f6chststand von 1929 erreichte. In seinem Bestseller machte Galbraith die sp\u00e4ter als irrational \u00fcberschw\u00e4nglich bezeichnete \u00d6ffentlichkeit und den \u00dcberfluss an Krediten verantwortlich, die von den Banken an B\u00f6rsenmakler und die leichtgl\u00e4ubige \u00d6ffentlichkeit vergeben worden waren. Ich war verwundert \u00fcber das Fehlen statistischer Beweise und trug die vorhandenen Daten zusammen, um die Ursachen f\u00fcr den Boom und den Zusammenbruch der Aktienm\u00e4rkte zu ermitteln. Meine Arbeit zeigte, dass es keine Anzeichen daf\u00fcr gab, dass der Markt durch Kredite angetrieben worden war, und obwohl die Fundamentaldaten sicherlich einen Teil des Booms ausmachten, gab es eine Blase, die dar\u00fcber lag. Es war die Kreditnachfrage der wild gewordenen Herde, die die Kreditgeber dazu veranlasste, die Sicherheiten zu verdoppeln und die Zinss\u00e4tze zu erh\u00f6hen. Ich brachte Finanzwissenschaftler und Historiker zusammen und organisierte eine \u201eOne-Year-AfterCrash-Konferenz\u201d. Sie trug dazu bei, dass auf den Crash von 1987 im Vergleich zu 1929 mit wesentlich ma\u00dfvolleren Reformen reagiert wurde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich erinnert White an die riesige Immobilienblase, deren Platzen 2008 weitaus verheerendere Folgen hatte. \u201eAnscheinend gab es keinen Pr\u00e4zedenzfall, auf den man sich h\u00e4tte berufen k\u00f6nnen. Da erinnerte ich mich an eine Krise in den 1920er Jahren, die in Vergessenheit geraten war, und das aus gutem Grund. Denn obwohl der Anstieg der Immobilienpreise damals offenbar ein \u00e4hnliches Ausma\u00df hatte, fiel der Schaden geringer aus. Grund war, dass sich die kreditgebenden Finanzinstitute selbst in den 1920er Jahren nicht fremdfinanziert hatten, was die Gefahr einer Insolvenz und einer Panik erheblich verringerte. Dass es institutionelle Strukturen gegeben hat, die mit dem Auf und Ab von Verm\u00f6gensblasen besser zurechtkommen, zeigte anschlie\u00dfend eine von mir im Auftrag des National Bureau of Economic Research organisierte Konferenz amerikanischer und europ\u00e4ischer Forscher.\u201c Panik und Crashs sind, so schlie\u00dft der \u00d6konom, die viel zitierten Schwarzen Schw\u00e4ne der Finanzwelt. \u201eSie sind zwar selten, aber wenn wir verstehen wollen, wann und warum sie auftreten, k\u00f6nnen wir es uns nicht leisten, historische und in anderen L\u00e4ndern aufgetretene Krisen zu ignorieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Hanna Floto-Degener<br>Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des House of Finance<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00d6konom Eugene N. 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