{"id":78282,"date":"2023-12-12T10:19:52","date_gmt":"2023-12-12T09:19:52","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=78282"},"modified":"2023-12-15T13:09:21","modified_gmt":"2023-12-15T12:09:21","slug":"wir-sind-die-tuer-zur-universitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/wir-sind-die-tuer-zur-universitaet\/","title":{"rendered":"\u201eWir sind die T\u00fcr zur Universit\u00e4t\u201c"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Ina Neddermeyer \u00fcbernimmt ab Januar 2024 die Leitung des Museums Giersch der Goethe-Universit\u00e4t (MGGU).<\/h4>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>UniReport:<\/em> Frau Neddermeyer, eine Frage zu Ihrem Werdegang: Sie haben Kunstgeschichte, Politik und Philosophie studiert, dann haben Sie prim\u00e4r als Kuratorin gearbeitet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"333\" height=\"500\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/bild_ur6.23_Ina-Neddermeyer-MGGU-333x500.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-78385\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/bild_ur6.23_Ina-Neddermeyer-MGGU-333x500.jpg 333w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/bild_ur6.23_Ina-Neddermeyer-MGGU-200x300.jpg 200w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/bild_ur6.23_Ina-Neddermeyer-MGGU-8x12.jpg 8w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/bild_ur6.23_Ina-Neddermeyer-MGGU.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Ina Neddermeyer<\/strong>.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Ina Neddermeyer: <\/em>Ich habe schon eigentlich mit meinem Studium einen stark interdisziplin\u00e4ren Ansatz gew\u00e4hlt, der k\u00fcnstlerische Positionen in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext verortet. Das spiegelt sich auch in meiner jetzigen T\u00e4tigkeit wider: Momentan leite ich die Kunstabteilung im Zeppelin Museum und ich habe auch ganz klassische kunsthistorische Ausstellungen kuratiert, beispielsweise zu Willi Baumeister, Otto Dix oder zu Marta Hoepffner \u2013 \u00fcbrigens eine Frankfurter K\u00fcnstlerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist das Ausstellungsprogramm jedoch sehr interdisziplin\u00e4r ausgerichtet, mit einem starken gesellschaftspolitischen Fokus. Gerade ist eine Ausstellung zum Thema \u201eMining\u201c, dem Bergbau der Zukunft, zu Ende gegangen. Wir bereiten ebenfalls eine Ausstellung zum Thema \u201eBlockchain\u201c vor. Davor haben wir Ausstellungsprojekte zu den \u201eGrenzen von Staatlichkeit\u201c und zu Drohnentechnologien gezeigt. Das waren keine reinen Kunstausstellungen, sondern es wurde versucht, von ganz verschiedenen Perspektiven auf ein Thema zu schauen. Ein Ansatz, der meinen kuratorischen Ansatz auszeichnet und mir jetzt f\u00fcr meine neue Aufgabe in Frankfurt zugutekommen wird.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Museen m\u00fcssen sich in gewisser Weise auf einem hart umk\u00e4mpften Markt bew\u00e4hren. Am Museumsufer reihen sich ja hochkar\u00e4tige Museen aneinander. Aber das stellt gleichzeitig nat\u00fcrlich auch eine Konkurrenz dar. Wie sehen Sie diese in Deutschland sicherlich einmalige Konstellation?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich empfinde die Dichte an Museen gar nicht als Konkurrenz, sondern \u2013 das mag mit meinem Blick aus der Museumswelt heraus zusammenh\u00e4ngen \u2013 eher als eine Bereicherung. F\u00fcr Besucher*innen aus nah und fern ist die Vielfalt doch sehr verlockend. Wenn man zum Beispiel ins Museum Giersch geht, kann man im Anschluss daran auch noch dem St\u00e4del oder einem der anderen Museen in Frankfurt einen Besuch abstatten. Das ist auch das Feedback, das ich von Besucher*innen bekomme: Man sch\u00e4tzt es sehr, wenn Museen \u00fcber ein abwechslungsreiches Umfeld verf\u00fcgen, in dem man gleich mehrere Sachen anschauen kann. Worauf man aber noch st\u00e4rker schauen sollte, w\u00e4ren k\u00fcnftig tats\u00e4chlich Kooperationen, um diese Synergien noch besser zu nutzen. Das MGGU hat aufgrund der engen Anbindung an die Universit\u00e4t sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal. Man sollte aber \u00fcber das Bild vom \u201eFenster zur Universit\u00e4t\u201c hinausgehen. Denn wir sind doch vielmehr die \u201eT\u00fcr zur Universit\u00e4t\u201c, weil wir wollen, dass die Menschen zusammenkommen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie kann man Kunstausstellungen und wissenschaftlichen Diskurs noch st\u00e4rker zusammenbringen \u2013 h\u00e4tten Sie Ideen f\u00fcr Formate?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Ansatz w\u00e4re, \u00fcber die thematische Anbindung beides zusammenzubringen: Welche Themen gibt es bereits an der Universit\u00e4t, wo findet man in Forschungsfragen oder Lehrveranstaltungen eine gesellschaftspolitische Relevanz? Was macht davon sowohl f\u00fcr die Universit\u00e4t als auch f\u00fcr das Museum Sinn? Wo sind die Schnittstellen und was k\u00f6nnte man \u00fcber diese etablieren? Wie sieht es mit den den herausragenden Sammlungen der Goethe-Universit\u00e4t aus, wo bieten diese einen Ausgangspunkt f\u00fcr Ausstellungen oder schaffen Raum f\u00fcr Begegnung im musealen Rahmen? Wenn eine thematische Relevanz aufgegriffen und weiterentwickelt werden kann, w\u00e4re das Museum sowohl f\u00fcr Studierende als auch f\u00fcr Wissenschaftler*innen ein Ort des Austausches, der dann wiederum auch f\u00fcr die Stadtgesellschaft noch interessanter wird. Ich werde mir in den ersten Monaten genau anschauen, welche Formate bereits ausgetestet wurden, welche funktioniert haben, welche nicht \u2013 und aus welchem Grund. Man muss nicht alles neu erfinden, sondern kann auch auf Erfahrungen aufbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach wie vor ist aber das Format der Ausstellung eines, von dem ausgehend man sehr viel machen kann. Man kann nun aber auch einen Schritt weitergehen und \u00fcberlegen, welche K\u00fcnstler*innen genau an der Schnittstelle zwischen universit\u00e4rer Forschung und einem gesellschaftspolitischen Thema arbeiten: Die k\u00fcnstlerischen Positionen k\u00f6nnten gewisserma\u00dfen als \u00e4sthetische Form des Forschens fungieren. \u00dcber Artist Residencies, das hei\u00dft K\u00fcnstler*innen, die vor Ort mit Wissenschaftler*innen zusammenarbeiten, k\u00f6nnte man zum Beispiel noch st\u00e4rker und fokussierter an bestimmten Themen arbeiten und dabei auch neue Formen der Darstellung und Vermittlung entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Frankfurt ist eine Stadt mit vielen Akademiker*innen, mit einem ausgepr\u00e4gten Bildungsb\u00fcrgertum. Aber gleichzeitig steht nicht jedem Bildung offen, es gibt auch gewisserma\u00dfen unsichtbare Barrieren. Wie k\u00f6nnte man Museen noch st\u00e4rker \u00f6ffnen, Zug\u00e4nge erm\u00f6glichen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00d6ffnung hin zu allen Bev\u00f6lkerungsgruppen sollte f\u00fcr alle Kulturinstitutionen selbstverst\u00e4ndlich sein. Wie kann man potenziell m\u00f6glichst viele Leute erreichen? Das schafft man am besten, denke ich, \u00fcber eine lebensweltliche Anbindung. Was sind gerade die Themen, die die Leute umtreiben? Wir besch\u00e4ftigen uns als Gesellschaft jetzt gerade mit dem Thema Ressourcenabbau. In der Forschung wird sehr viel dazu gearbeitet, aber es gibt nat\u00fcrlich auch eine ganz praktische lebensweltliche Dimension des Themas. Wie gehen wir mit Ressourcen um, wie nutzen wir Recycling? Wir hatten gerade im Zeppelin Museum tats\u00e4chlich das Gl\u00fcck, dass wir sehr viele Besucher*innen f\u00fcr die Ausstellung zum Thema hatten, ungef\u00e4hr 72 000 Besucher*innen, ein sehr diverses Publikum. Mit einem Thema, dass diese lebensweltliche Relevanz hat, kann man vielen Menschen eine Teilhabe erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Man spricht ja h\u00e4ufig von den ersten 100 Tagen im Amt \u2013 haben Sie eine Vorstellung, wie Sie diese gestalten m\u00f6chten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mir vorgenommen, viele Gespr\u00e4che zu f\u00fchren und genau zuzuh\u00f6ren, vor allem bei meinem neuen Team. Auch auf den Austausch mit Kolleg*innen anderer Museen bin ich sehr gespannt. Ich m\u00f6chte verstehen, was die Bed\u00fcrfnisse des Museums, der Universit\u00e4t, aber auch der Stadtgesellschaft sind. Ich freue mich auf das Museum Giersch, auf den Austausch mit der Stiftung Giersch, aber auch auf Frankfurt, mit seinem reichhaltigen kulturellen Angebot.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wo stecken Sch\u00e4tze im Museum Giersch, die man noch heben k\u00f6nnte?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum Giersch ist an sich schon einzigartig und besonders in dieser Konstellation, dass es ein lebendiger Teil der Universit\u00e4t ist. Daneben hat es in der besonderen Museumslandschaft Frankfurts eine gro\u00dfartige Lage. Mit seinen R\u00e4umen l\u00e4sst sich viel machen. F\u00fcr K\u00fcnstler*innen sind sie dadurch interessant, dass sie eine Geschichte mitbringen. Es handelt sich eben nicht um einen White Cube. Auch das bisherige Ausstellungsprogramm war spannend, weil&nbsp; k\u00fcnstlerische Positionen gezeigt wurden, die etwas in Vergessenheit geraten sind. Es wurde damit zugleich eine wichtige Grundlagenarbeit geleistet, indem man bestimmte K\u00fcnstler*innen wieder in den Fokus ger\u00fcckt hat. Diese Sichtbarkeit zu schaffen, ist unglaublich wichtig und daran w\u00fcrde ich gerne ankn\u00fcpfen. Was man aber sicherlich noch ausbauen kann, ist der Bezug zur Universit\u00e4t. Die Frage ist also: Wie bringt man beide Akteure zusammen, sodass sie sich noch st\u00e4rker miteinander vernetzen? Damit das Museum zu einem wichtigen Diskursort der Universit\u00e4t wird. Daf\u00fcr werden wir 2024 ein Sounding Board einsetzen, in dem Studierende, Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Professor*innen vertreten sind, um den Austausch zwischen Museum und Universit\u00e4t zu vertiefen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Aspekt w\u00e4re die Zug\u00e4nglichkeit. Die Eingangssituation hat immer noch etwas Exklusives \u2013 das ist sicherlich dem Denkmalschutz geschuldet. Zudem k\u00f6nnte man auch \u00fcberlegen, wie man die Aufenthaltsqualit\u00e4t weiter verbessert. Hier w\u00e4re beispielsweise ein gastronomisches Angebot vorstellbar. Auch andere Veranstaltungs- und Vermittlungsformate k\u00f6nnten dazu beitragen, dass das Museum noch mehr zu einem lebendigen Austausch- und Aufenthaltsort wird.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Haben Sie bereits konkrete Ideen f\u00fcr kommende Ausstellungen oder Aktivit\u00e4ten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt schon eine ganze Reihe an Ideen, die sind aber noch nicht spruchreif, zudem haben die Kuratorinnen bereits wichtige Weichen f\u00fcr das kommende Jahr gestellt. Welches \u00fcbergreifende Thema aber k\u00fcnftig eine gro\u00dfe Rolle spielen k\u00f6nnte, w\u00e4re \u00fcberschrieben mit \u201eZuk\u00fcnfte\u201c. Mein Eindruck ist, dass das an Universit\u00e4ten ein sehr pr\u00e4sentes Thema ist, an dem verschiedene Forschungsbereiche arbeiten. Es spielte tats\u00e4chlich auch in meiner kuratorischen Praxis eine wichtige Rolle. Wie kann das Leben in der Zukunft gestaltet werden, wie sehen zuk\u00fcnftige Gesellschaftsmodelle aus? Welche Ressourcen w\u00e4ren daf\u00fcr notwendig, welche Technologien? Das f\u00e4nde ich sehr spannend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#f3f3f3\"><strong>Ina Neddermeyer <\/strong>studierte Kunstgeschichte, Politik und Philosophie in Berlin und Florenz. Nach ihrem wissenschaftlichen Volontariat war sie von 2013 bis 2016 Sammlungskuratorin am Kunstpalais in Erlangen. Von 2016 bis 2023 arbeitete sie als Kuratorin und Leiterin der Abteilung Kunst am Zeppelin Museum Friedrichshafen. Sie kuratierte zahlreiche Ausstellungen, u.a. Einzelausstellungen von Otto Dix, Marta Hoepffner, Peter Land und Reynold Reynolds sowie Gruppenausstellungen wie \u00bbInto the deep. Minen der Zukunft\u00ab, \u00bbBeyond States. \u00dcber die Grenzen von Staatlichkeit\u00ab, \u00bbGame of Drones. Von unbemannten Flugobjekten\u00ab und \u00bbSch\u00f6ne neue Welten. Virtuelle Realit\u00e4ten in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst\u00ab.<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Ina Neddermeyer \u00fcbernimmt ab Januar 2024 die Leitung des Museums Giersch der Goethe-Universit\u00e4t (MGGU). 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