{"id":80151,"date":"2024-06-18T07:51:18","date_gmt":"2024-06-18T05:51:18","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=80151"},"modified":"2024-06-19T10:55:30","modified_gmt":"2024-06-19T08:55:30","slug":"der-oeffentliche-gebrauch-der-vernunft-juergen-habermas-wird-95-jahre-alt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/der-oeffentliche-gebrauch-der-vernunft-juergen-habermas-wird-95-jahre-alt\/","title":{"rendered":"Der \u00f6ffentliche Gebrauch der Vernunft. J\u00fcrgen Habermas wird 95 Jahre alt"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-text-align-center\"><em>Von Rainer Forst<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Am 18. Juni wird J\u00fcrgen Habermas, der die Geistes- und Sozialwissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t nachhaltig gepr\u00e4gt hat, 95 Jahre alt, und dazu sendet unsere wissenschaftliche Community, der er nach wie vor aktiv angeh\u00f6rt, die herzlichsten Gl\u00fcckw\u00fcnsche. Bis heute ist Habermas\u2018 wissenschaftliche und intellektuelle Stimme national und international eine der meistgeh\u00f6rten, und wir w\u00fcnschen von Herzen, dass es noch lange so bleiben m\u00f6ge.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"346\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitragsbild_Vortrag_Habermas_Moralitaet_und_Sittlichkeit_2019_006_ud-500x346.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-80152\" style=\"width:468px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitragsbild_Vortrag_Habermas_Moralitaet_und_Sittlichkeit_2019_006_ud-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitragsbild_Vortrag_Habermas_Moralitaet_und_Sittlichkeit_2019_006_ud-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitragsbild_Vortrag_Habermas_Moralitaet_und_Sittlichkeit_2019_006_ud-18x12.jpg 18w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/beitragsbild_Vortrag_Habermas_Moralitaet_und_Sittlichkeit_2019_006_ud.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Zu seinem 90. Geburtstag hielt J\u00fcrgen Habermas einen Vortrag an der Goethe-Universit\u00e4t.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wir erinnern uns mit gro\u00dfer Freude an den 90. Geburtstag, den die Normativen Ordnungen an unserer Universit\u00e4t ausrichteten und an dem J\u00fcrgen Habermas uns mit einem gro\u00dfen Vortrag, seinem letzten \u00f6ffentlichen, beschenkte. Unter dem Titel \u201eNoch einmal: Zum Verh\u00e4ltnis von Moralit\u00e4t und Sittlichkeit\u201c lie\u00df er die gro\u00dfen geschichtsphilosophischen Entw\u00fcrfe von Kant, Hegel und Marx Revue passieren und setzte sie zu seiner eigenen Philosophie in Beziehung. Er zeichnete die \u00dcberlegungen der drei Gro\u00dfen, die sein Denken stark bestimmt haben, bez\u00fcglich der Frage nach der Vernunft in der Geschichte nach und verlieh seiner letztlich moralisch begr\u00fcndeten Hoffnung Ausdruck, dass die Vernunft ihre Arbeit an einer Verbesserung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse niemals, trotz aller Entt\u00e4uschungen, die der Lauf der Dinge bereith\u00e4lt, aufgeben darf. Dies schon um derer willen nicht, deren Kampf f\u00fcr Gerechtigkeit nicht vergebens gewesen sein soll, und angesichts der Vielen nicht, die unter Ungerechtigkeit leiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist es in erster Linie Kant, dessen 300. Geburtstag wir im Fr\u00fchjahr feierten, auf den Habermas sich beruft, wenn er an dem Imperativ festh\u00e4lt, die Zeiten, in denen wir leben, durch den \u201e\u00f6ffentlichen Gebrauch der Vernunft\u201c aufzukl\u00e4ren, also im Diskurs der Betroffenen selbst. Das ist sein Lebensthema, das sich durch all seine Schriften zieht: Emanzipation durch kommunikative Vernunft, die die Anstrengung auf sich nimmt, ihre eigenen, auch sozial und systemisch verursachten Blockaden zu erkennen und zu \u00fcberwinden. Mit Hegel h\u00e4lt Habermas freilich daran fest, dass diese Arbeit sich vergangener Lernprozesse versichern muss, um daraus Orientierung und Ermutigung zu gewinnen. Und mit Marx schlie\u00dflich besteht er darauf, dass es die Aufgabe der Philosophie und der Wissenschaften insgesamt ist, das individuelle und soziale Leben nicht nur zu verbessern, sondern von den Beschr\u00e4nkungen zu befreien, die ideologisch als naturgem\u00e4\u00df und unabweislich verkl\u00e4rt werden. Dabei arbeitet die Vernunft wie ein \u201eMaulwurf\u201c, und zwar \u201eim Modus der fehlbaren (\u2026) Lernprozesse der vergesellschafteten Subjekte selber\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als 3000 Menschen verfolgten damals den Vortrag, und er bewies, auf welch besondere Weise Habermas das Denken der die Frankfurter Universit\u00e4t kennzeichnenden kritischen Theorie verk\u00f6rpert: Ein Denken, das theoretisch umfassend fundiert ist, und zwar in einem Zusammenspiel von Philosophie und Sozialwissenschaften, und zugleich praktisch orientiert ist, ohne die Komplexit\u00e4t der Vermittlungsstufen zwischen Theorie und Praxis zu verkennen. Habermas\u2018 Werk ist auch in dem Sinne einzigartig, dass er diese Vermittlung auf den Begriff bringt und sie zugleich mit seinen \u00f6ffentlichen Interventionen praktiziert. Auch in den letzten Jahren hat er sich zu zentralen Fragen unserer Zeit pointiert zu Wort gemeldet \u2013 ob es das Schicksal Europas ist, die Weichenstellungen der Pandemiebek\u00e4mpfung, der von Russland entfesselte Krieg in der Ukraine oder die Situation, die nach dem \u00dcberfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 nicht zuletzt in Deutschland entstanden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende seines denkw\u00fcrdigen Vortrags lie\u00df Habermas die drei Perioden seines wissenschaftlichen Lebens, die er in Frankfurt verbrachte, kurz vor\u00fcberziehen: die Zeit als Assistent Adornos in der zweiten H\u00e4lfte der F\u00fcnfziger Jahre, die Zeit als Nachfolger Horkheimers auf dessen Professur in den Sechzigern und schlie\u00dflich die R\u00fcckkehr in den Achtzigern nach Beendigung der Direktorenschaft des Max-Planck-Instituts in Starnberg. Die letzte Periode bezeichnete er als die \u201ebefriedigendste Zeit meines akademischen Lebens\u201c in der \u201efreien Luft\u201c der Goethe-Universit\u00e4t, und er w\u00fcnschte uns allen mit Blick auf die Gegenwart, dass der besondere, offene und kritische Geist, der diese Universit\u00e4t bis heute pr\u00e4gt, auf dem neuen Campus Westend sprie\u00dfen und seine \u201esch\u00fctzenden Nischen\u201c finden m\u00f6ge. Dem sehen wir uns in unserer Arbeit verpflichtet, denn die Fragen, die wir als Sch\u00fcler*innen und Kolleg*innen von Habermas mit ihm behandelt haben, insbesondere die nach der Zukunft der Demokratie, lassen uns nicht ruhen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine j\u00fcngsten Werke nehmen diese Fragen auf und geben seinem Denken eine neue Wendung, wie es sich f\u00fcr eine Philosophie mit, wie Adorno es formulierte, \u201eZeitkern\u201c geh\u00f6rt. Im Anschluss an seinen Geburtstagsvortrag versammelten sich seinerzeit seine wichtigsten Weggef\u00e4hrt*innen zu einer zweit\u00e4gigen Konferenz, um das im Erscheinen begriffene monumentale zweib\u00e4ndige Werk <em>Auch eine Geschichte der Philosophie<\/em> zu diskutieren. Auf eine Weise, die nur Habermas eigen ist, verfolgt er im Durchgang durch die Geschichte der westlichen Philosophie eine zentrale Idee, die in der Tradition der <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em> von Horkheimer und Adorno steht: die Kritik einseitiger Formen der Rationalit\u00e4t, die zu reduktionistischen Vorstellungen gesellschaftlicher Interaktion oder individuellen Handelns f\u00fchren. In der Reflexion auf die Gefahren einer \u201eentgleisenden Moderne\u201c spielt in diesem Buch der Dialog zwischen philosophischer Vernunft und religi\u00f6sem Glauben eine entscheidende Rolle. Habermas rekonstruiert historisch bedeutsame \u00dcbersetzungsleistungen von der religi\u00f6sen in eine s\u00e4kulare Sprache, so in Bezug auf den Begriff der menschlichen W\u00fcrde, fordert zugleich aber dazu auf, etwa angesichts bioethischer Herausforderungen diese \u00dcbersetzungsarbeit nicht als abgeschlossen zu betrachten. Das von Habermas ausgezeichnete \u201enachmetaphysische\u201c Denken schaut in diesem Werk auf seine eigene Genese zur\u00fcck, sieht sich aber nicht als passives, kontingentes Produkt dieser Geschichte an. Die Vernunft schreibt ihre Geschichte von ihrem eigenen Standpunkt aus, sieht dabei aber, dass sie sich f\u00fcr weitere Lernprozesse offenhalten muss, wohl wissend, wie Habermas schreibt, dass die Vernunft, die an der Gegenwart klebte, \u201emit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verk\u00fcmmern\u201c w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein in diesem Jahr erschienener Band mit dem Titel <em>Vern\u00fcnftige Freiheit<\/em> diskutiert diesen Ansatz und enth\u00e4lt eine beeindruckende, ausf\u00fchrliche Replik von Habermas auf eine gro\u00dfe Zahl detaillierter Kritiken. Hier zeigt sich seine Philosophie einerseits, wie Hegel sagte, als ihre Zeit in Gedanken gefasst, weist zugleich aber weit zur\u00fcck auf fr\u00fchere Epochen der Philosophie und nach vorne, auf die Herausforderungen der Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres j\u00fcngst erschienenes Buch von Habermas wirft eine nicht minder aktuelle Frage auf, diesmal st\u00e4rker soziologisch informiert. Ihm zufolge muss der Begriff der kommunikativen Vernunft einerseits philosophisch entfaltet werden; andererseits aber ist die Realisierung dieser Form der Rationalit\u00e4t eine Frage, f\u00fcr die es der Sozial- und Rechtswissenschaften bedarf. So kehrt er in <em>Ein neuer Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit<\/em> sechzig Jahre nach dem Erscheinen seiner Habilitationsschrift \u00fcber den <em>Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit<\/em> zu diesem Thema zur\u00fcck. Das Buch, das j\u00fcngst der Gegenstand einer Tagung mit ihm gemeinsam war, zeigt die M\u00f6glichkeiten, aber besonders die Gef\u00e4hrdungen des \u00f6ffentlichen Vernunftgebrauchs und einer informierten politischen \u00d6ffentlichkeit unter den neuen Medienbedingungen unserer Zeit auf; seine Sorge gilt insbesondere dem Einfluss der neuen sozialen Medien und ihrer Tendenz zur Fragmentierung der \u00d6ffentlichkeit und der Aufspaltung in \u201eHalb\u00f6ffentlichkeiten\u201c, die ihre eigenen Wahrheiten produzieren. Ob unter diesen Bedingungen an einem Ideal \u201edeliberativer Demokratie\u201c festgehalten werden kann, ist eine Frage, die Habermas wie auch viele andere umtreibt. Denn demokratische Selbstregierung, politische Autonomie, setzt einen gemeinsam geteilten Raum politischer Rechtfertigung voraus, der stets neu erschaffen, aber auch dort, wo er besteht, erhalten werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Verst\u00e4ndnis der Autonomie ist es denn auch, das Habermas in seinem gro\u00dfen Vortrag vor f\u00fcnf Jahren eindrucksvoll in Erinnerung rief, indem er sagte: \u201eNur die Freiheit erf\u00fcllt den Begriff der Autonomie, von der wir wissen, dass niemand wirklich frei ist, bevor es nicht alle sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur Sch\u00fcler wie der Autor dieser Zeilen schulden J\u00fcrgen Habermas Dank daf\u00fcr, diesen Gedanken ins Zentrum seines philosophischen, aber auch seines gesellschaftstheoretischen Werks ger\u00fcckt zu haben. Es ist in seiner Breite und Tiefe singul\u00e4r in einer wissenschaftlichen Landschaft, die sich immer weiter spezialisiert und beschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gratulieren noch einmal von Herzen und hoffen auf viele weitere M\u00f6glichkeiten zum gemeinsamen Denken.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:40px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Rainer Forst<\/strong> ist Professor f\u00fcr Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universit\u00e4t und Direktor des Forschungszentrums Normative Ordnungen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Rainer Forst Am 18. 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