{"id":80423,"date":"2024-08-02T11:42:00","date_gmt":"2024-08-02T09:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=80423"},"modified":"2024-08-05T11:02:07","modified_gmt":"2024-08-05T09:02:07","slug":"von-fliegen-und-leichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/von-fliegen-und-leichen\/","title":{"rendered":"Von Fliegen und Leichen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tagung zur kriminalistischen Insektenkunde: ein Nachbericht von Jens Amendt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/09_Fliegen-und-Leichen_650x450px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-80424\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/09_Fliegen-und-Leichen_650x450px.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/09_Fliegen-und-Leichen_650x450px-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/09_Fliegen-und-Leichen_650x450px-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/09_Fliegen-und-Leichen_650x450px-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Calliphora vicina, die schwarzblaue Schmei\u00dffliege.<br>AJC1 from UK, Bluebottle Calliphora vicina (16905381933), CC BY-SA 2.0.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Unter dem Motto Insects &amp; Wine trafen sich in der Rotweinstadt Ingelheim am Rhein vom 12. bis 14. Juni 55 Teilnehmende aus 14 L\u00e4ndern, darunter unter anderem S\u00fcdafrika, Brasilien und Kanada, um sich \u00fcber die neuesten Erkenntnisse und Fortschritte der kriminalistischen Insektenkunde auszutauschen. Ausgerichtet wurde diese internationale Veranstaltung vom Institut f\u00fcr Rechtsmedizin des Universit\u00e4tsklinikums der Goethe-Universit\u00e4t. Hier wird seit 25 Jahren intensiv zur Biologie und \u00d6kologie von Aas-Insekten geforscht. Die gewonnenen Erkenntnisse finden bundesweit in der t\u00e4glichen Bearbeitung von Kapitaldelikten, zum Beispiel bei der Ermittlung des Todeszeitpunktes oder der Kl\u00e4rung der Todesumst\u00e4nde, Ber\u00fccksichtigung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Noch keine \u00bbBody Farm\u00ab in Europa<\/h2>\n\n\n\n<p>Die unter der Schirmherrschaft der European Association for Forensic Entomology stattfindende Tagung war in verschiedene Themenbl\u00f6cke eingeteilt und hatte einige Besonderheiten aufzuweisen. So war zum Beispiel dieses Jahr das Augenmerk auf den Nutzen und die Einrichtung von \u201eHuman Forensic Taphonomy Facilities\u201c gelegt worden. Auf einer solchen, umgangssprachlich gerne auch als \u201eBody Farm\u201c bezeichneten, Forschungsstation untersucht man unter anderem die Verwesungsprozesse menschlicher Leichen unter nat\u00fcrlichen Bedingungen (und hier spielen dann die erw\u00e4hnten Aasinsekten eine wesentliche Rolle), simuliert Fall-Szenarien f\u00fcr Ermittlungsbeh\u00f6rden, bildet Kriminaltechniker aus oder dient Leichensp\u00fcrhunden als Trainingsgel\u00e4nde. Eine den bereits in Australien, Kanada und den USA existierenden Einrichtungen vergleichbare Institution findet sich bisher in ganz Europa nicht. Dies zu \u00e4ndern haben sich die Biologin- nen der Frankfurter Rechtsmedizin unter F\u00fchrung von Prof. Dr. Jens Amendt zum Ziel gemacht. Allerdings m\u00fcssen hier zun\u00e4chst einige juristische und b\u00fcrokratische Hindernisse aus dem Weg ger\u00e4umt werden \u2013 um diese dicken Bretter besser bohren zu k\u00f6nnen, haben sich die Frankfurter f\u00fcr die Tagung prominente Verst\u00e4rkung eingeladen: Prof. Dr. Shari Forbes von der University of Windsor (Kanada) hat bereits drei \u201eBody Farmen\u201c in Australien und Kanada er\u00f6ffnet und leistete mit ihrem Vortrag \u201eHuman decomposition facilities \u2013 What can we learn from these bodies of Knowledge?\u201c beeindruckende \u00dcberzeugungsarbeit. Es wird klar, dass das Netz dieser Einrichtungen weltweit viel dichter werden muss, um alle Klimazonen und Lebensr\u00e4ume abbilden zu k\u00f6nnen und den zahlreichen Anforderungen und Ausbildungskonzepten der verschiedenen Ermittlungsbeh\u00f6rden gerecht zu werden. Das zeigte auch die unmittelbar neben dem Tagungsgel\u00e4nde organisierte Vorf\u00fchrung der Leichensp\u00fcrhunde des Landes Hessen \u2013 blutige Messer, alte Knochen und Kleidungsst\u00fccke von Leichen warteten im Geb\u00fcsch gut versteckt darauf, von den deutschen und belgischen Sch\u00e4ferhunden aufgesp\u00fcrt zu werden. Das funktionierte durchaus, aber Frank Lammers, Leiter der Ausbildungsst\u00e4tte der Hunde in M\u00fchlheim am Main, machte deutlich, wie wichtig es w\u00e4re, die Hunde auch mit echten Leichen zu trainieren \u2013 und das geht nat\u00fcrlich nicht einfach in der freien Natur, sondern an einem eigens nur daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung stehenden Ort wie eben einer \u201eBody Farm\u201c. Shari Forbes und Kolleginnen aus Europa zeigten in ihren Vortr\u00e4gen aber nicht nur die unmittelbare Praxis-Relevanz, sondern die gro\u00dfe Vielfalt an Forschungsans\u00e4tzen, die die Arbeit mit menschlichen Leichen zu bieten hat. So kann das humanspezifische Mikrobiom postmortal ein Marker f\u00fcr die Todeszeit der jeweiligen Person sein, die naturkundlichen Spuren an Leichen bei Weitem noch nicht alle ausreichend katalogisiert und verstanden, und der \u201eGeruch des Todes\u201c in seiner chemischen Vielfalt ein f\u00fcr die Liegezeit eines Leichnams und die Todesumst\u00e4nde eines Mordopfers ein spannendes Werkzeug der Kriminaltechnik.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die schwarzblaue Schmei\u00dffliege, ein \u00bbStar\u00ab der Insekten-Szene<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Themenblock widmete sich einer auf den ersten Blick unscheinbaren Insektenart: der schwarzblauen Schmei\u00dffliege Calliphora vicina. Sie ist der \u201eStar\u201c in der europ\u00e4ischen nekrophagen Insekten-Szene, weil sie einer der h\u00e4ufigsten auf Leichen vorkommenden Fliegenarten ist und gleichzeitig mit den f\u00fcr Mitteleuropa durchaus immer noch h\u00e4ufigen niedrigen Temperaturen gut zurechtkommen kann. Insekten auf Leichen helfen bei der Eingrenzung des in T\u00f6tungsdelikten so wichtigen Todeszeitpunktes, wenn mehr als 1 bis 2 Tage postmortal vergangen sind \u2013 dann k\u00f6nnen die klassischen rechtsmedizinischen Methoden, wie K\u00f6rpertemperatur, rigor mortis oder Totenflecken, nicht mehr greifen. Eine Altersbestimmung der sich auf dem K\u00f6rper entwickelnden Insekten kann diesen Zeitraum aber auf mehrere Wochen ausdehnen \u2013 und besagte Calliphora vicina ist hier aufgrund ihrer H\u00e4ufigkeit vor allem im st\u00e4dtischen Bereich sehr wichtig. Vortr\u00e4ge aus England, Polen, Tschechien und auch Frankfurt zeigten beispielhaft, wie komplex die Altersbestimmung von Insekten in der Fallarbeit sein kann und wie wichtig es ist, Einflussfaktoren auf die wechselwarmen Insekten wie etwa fluktuierende Temperaturprofile im Tag-Nacht-Verlauf noch besser zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nekrophage Insekten stehen am Ende der Nahrungskette \u2013 und konsumieren mit dem Leichengewebe auch Substanzen, die der Mensch zu Lebzeiten mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig konsumiert hat. Zahlreiche Beitr\u00e4ge widmeten sich in einem weiteren Themenblock der Frage, inwieweit man Substanzen wie diverse Benzodiazepine in den Insekten nachweisen kann, wenn die humanen Gewebeproben nicht mehr existieren bzw. nicht mehr zu analysieren sind und ob der Konsum dieser Substanzen den Alterungsprozess der Insekten ver\u00e4ndern kann. Letzteres h\u00e4tte Auswirkungen auf die Eingrenzung des Todeszeitpunktes. Die pr\u00e4sentierten Daten aus unter anderem M\u00fcnchen konnten das Publikum beruhigen, ein Einfluss wurde als extrem unwahrscheinlich angenommen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Methodisches F\u00fcllhorn<\/h2>\n\n\n\n<p>Bei den Beitr\u00e4gen in den sogenannten Freien Themen zeigte sich die enorme Vielfalt der forensischen Entomologie. Analysen der genetischen Vielfalt von Aasinsekten, \u00f6kologische Untersuchungen zur Sukzession dieser Tiere an Aas, die Ber\u00fccksichtigung neuer Indikatorarten wie der invasiven Schmei\u00dffliegenart Chrysomya albiceps oder aus anderen Disziplinen adaptierte Techniken wie die Infrarot-Spektroskopie, um die Verwitterung von Insektenresten am Leichenliegeort zeitlich klassifizieren zu k\u00f6nnen \u2013 es wurde ein methodisches F\u00fcllhorn pr\u00e4sentiert, was auch die Bandbreite an fachlichen Qualifikationen der Tagungsteilnehmer belegt: Vom Rechtsmediziner \u00fcber den Kurator im Naturkundemuseum bis zum Mitarbeiter unterschiedlichster (inter)nationaler Kriminal\u00e4mter war alles vertreten. Erfreulich war die hohe Zahl an Beitr\u00e4gen junger Nachwuchswissenschaftlerinnen \u2013 insgesamt 14 Vortr\u00e4ge und Poster wurden von allen Teilnehmern der Tagung \u201ebegutachtet\u201c und am Ende der beste Beitrag ausgezeichnet. <\/p>\n\n\n\n<p>In einer abschlie\u00dfenden Podiumsdiskussion wurde eine wichtige Problematik der Forensischen Entomologie thematisiert \u2013 w\u00e4hrend der \u201egenetische Fingerabdruck\u201c oder der \u201evirtuelle 3D-Tatort\u201c bei den Ermittlerinnen fest als Methode etabliert ist, fristen die Insekten auf europ\u00e4ischer Ebene noch zu oft das Dasein von Dornr\u00f6schen. Aus diesem Schlaf soll sie das mit EU-Mitteln gef\u00f6rderte und in Frankfurt in der Rechtsmedizin verortete Projekt \u201eMaDE in Deutschland\u201c erwecken. Es wird \u00fcber nationale Grenzen hinaus als Schablone f\u00fcr weitere europ\u00e4ische Fortbildungs- und Informationsprojekte dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beschwingt von so einem positiven Ausblick in die Zukunft, schmeckte den Tagungsteilnehmenden die abschlie\u00dfende kulinarische Weinprobe gleich doppelt gut \u2013 Ingelheim zeigte sich auch hier von seiner besten Seite. Man ist gespannt, ob der Tagungsort 2025 mithalten kann. Kulinarisch auf jeden Fall: Es geht nach Parma \u2026<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Prof. Dr. Jens Amendt<\/strong> ist am Institut f\u00fcr Rechtsmedizin f\u00fcr die insektenkundliche Begutachtung von T\u00f6tungen oder unklaren Todesumst\u00e4nden zust\u00e4ndig und lehrt und forscht zum Thema forensische Entomologie an der Goethe-Universit\u00e4t. Er ist unter anderem Gr\u00fcndungsmitglied und aktueller Pr\u00e4sident der <em>European Association for Forensic Entomology<\/em> und Vorstandsmitglied der <em>Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Medizinische Entomologie und Acarologie<\/em>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagung zur kriminalistischen Insektenkunde: ein Nachbericht von Jens Amendt Unter dem Motto Insects &amp; Wine trafen sich in der Rotweinstadt Ingelheim am Rhein vom 12. bis 14. 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