{"id":80425,"date":"2024-08-05T10:37:04","date_gmt":"2024-08-05T08:37:04","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=80425"},"modified":"2024-08-27T08:45:43","modified_gmt":"2024-08-27T06:45:43","slug":"ein-vielschichtiges-verhaeltnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/ein-vielschichtiges-verhaeltnis\/","title":{"rendered":"Ein vielschichtiges Verh\u00e4ltnis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Sommeruniversit\u00e4t blickt aus postkolonialer Perspektive auf den Zusammenhang von Religion und europ\u00e4ischer Expansion.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10_vielschichtiges_Verhaeltnis_650x450px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-80426\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10_vielschichtiges_Verhaeltnis_650x450px.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10_vielschichtiges_Verhaeltnis_650x450px-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10_vielschichtiges_Verhaeltnis_650x450px-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/10_vielschichtiges_Verhaeltnis_650x450px-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Organisator*innen der Summer School zu \u00bbReligion postkolonial?\u00ab: (v.l.n.r.) Birgit Emich, Michael Leemann und Xenia von Tippelskirch. | Foto: Louise Zbiranski<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Das Wort \u201epostkolonial\u201c ist in den letzten Jahren wie kaum ein anderer Begriff aus der wissenschaftlichen in die gesellschaftliche Debatte \u00fcbergegangen. In dieser popul\u00e4ren Verwendung ger\u00e4t oft Entscheidendes aus dem Blick: Postkoloniale Perspektiven zielen darauf ab, koloniale Ph\u00e4nomene und ihr Fortwirken insbesondere in ihrer Komplexit\u00e4t sichtbar zu machen. Sie zeichnen sich daher weniger durch einen eindeutigen Standpunkt als durch eine Vielfalt an Positionen, Methoden und Zugriffen aus. F\u00fcr diese Mannigfaltigkeit postkolonialer Arbeitsweisen und ihrer Gegenst\u00e4nde zu sensibilisieren, ist eines der erkl\u00e4rten Ziele des Frankfurter Sommerkurses zur Geschichte der Fr\u00fchen Neuzeit, der dieses Jahr unter dem Titel <em>Religion postkolonial?<\/em> steht. Die Summer School findet vom 24. bis zum 26. Juli an der Goethe-Universit\u00e4t statt und wird von den Historiker*innen Birgit Emich, Xenia von Tippelskirch und Michael Leemann organisiert.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Uneindeutigkeiten<\/h2>\n\n\n\n<p>Im Zentrum des Kurses steht die Epoche der Fr\u00fchen Neuzeit, also grob die Zeit von 1500 bis 1800. Dieser zeitliche Zuschnitt hat seinen besonderen Reiz; schlie\u00dflich stellt postkoloniale Geschichte oft auf die sp\u00e4tere Zeit ab dem 19. Jahrhundert scharf. Dies liegt nahe, handelt es sich hierbei doch um die Hochzeit des europ\u00e4ischen Imperialismus und des sich wissenschaftlich gebenden Rassismus. \u201ePostkoloniale Studien haben nicht nur rekonstruiert, wie diese Prozesse abliefen und fortwirken, sie haben auch sichtbar gemacht, dass es selbst unter diesen Bedingungen kulturelle Verschmelzungen und Widerstand gab. Ich denke aber, dass diese Uneindeutigkeiten und auch eine gewisse Offenheit in der historischen Entwicklung noch besser sichtbar werden, wenn wir den Blick weiten und auf die Epoche vor dem 19. Jahrhundert schauen\u201c, erl\u00e4utert Birgit Emich, Professorin f\u00fcr Geschichte der Fr\u00fchen Neuzeit und Principal Investigator beim Forschungsverbund <em>Dynamiken des Religi\u00f6sen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fr\u00fche Neuzeit ist n\u00e4mlich einerseits die Zeit der sogenannten europ\u00e4ischen Expansion: Im Zuge der Erschlie\u00dfung neuer See- und Handelswege begannen die europ\u00e4ischen M\u00e4chte sukzessive, Gebiete auf anderen Kontinenten f\u00fcr sich zu beanspruchen und zu erobern. \u201eAnderseits war die milit\u00e4rische Dominanz der Europ\u00e4er in dieser Phase noch nicht ausgemacht. Auch waren ihre Interessen zum Teil noch anders gelagert als zur Bl\u00fcte des Imperialismus\u201c, erkl\u00e4rt Michael Leemann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DFG-Kollegforschungsgruppe <em>Polyzentrik und Pluralit\u00e4t vormoderner Christent\u00fcmer (POLY)<\/em>. In Nordamerika beispielweise ging es der franz\u00f6sischen Krone lange weniger um weitreichende territoriale Eroberungen als um die Errichtung lokal begrenzter Handelsst\u00fctzpunkte. \u201eSicher betrachteten die Europ\u00e4er die Indigenen auch in dieser Phase nicht als gleichwertig. Dennoch konnten sie ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus einer gesicherten \u00dcberlegenheit entgegentreten. So entstanden R\u00e4ume der Begegnung, in denen keineswegs eindeutige Machtverh\u00e4ltnisse herrschten\u201c, so Leemann weiter.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Exotisierende, nicht starr rassifizierende Blicke auf Indigene<\/h2>\n\n\n\n<p>Xenia von Tippelskirch, Professorin f\u00fcr religi\u00f6se Dynamiken und Co-Direktorin des <em>Institut franco-allemand de sciences historiques et sociales (IFRA-SHS)<\/em> erg\u00e4nzt: \u201eIch habe mich in meiner j\u00fcngeren Forschung unter anderem mit dem Besuch einer indigenen Delegation aus Franz\u00f6sisch-Louisiana am Hof des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs im Jahr 1725 befasst. Die zeitgen\u00f6ssischen Berichte \u00fcber diesen Besuch legen nahe, dass die Europ\u00e4er zwar damals bereits einen stereotypisierenden und exotisierenden, aber noch nicht unbedingt starr rassifizierend-abwertenden Blick auf die Indigenen hatten.\u201c Die Besucher aus der \u201eNeuen Welt\u201c konnten in der Debatte \u00fcber europ\u00e4ische Dekadenz durchaus auch als positives Gegenbild fungieren. \u201eDennoch ist nicht zu vergessen, dass die indigenen W\u00fcrdentr\u00e4ger nicht als ebenb\u00fcrtige Herrscher eingeladen waren, sondern um Ludwig XV. zu huldigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zentraler Akteur der von von Tippelskirch untersuchten Begegnung ist der Jesuit, der die indigenen Besucher begleitete: Er vermittelte und \u00fcbersetzte, verfolgte aber zugleich auch ordensstrategische Ziele. Er verweist damit auch auf den inhaltlichen Schwerpunkt der Summer School: die entscheidende Rolle, die Religion und religi\u00f6sen Akteurinnen in der beginnenden Kolonialisierung zukam. Das Bewusstsein, christlich und damit \u00fcberlegen zu sein, wie auch der Wunsch, das Christentum zu verbreiten, stellten Legitimationen f\u00fcr gewaltvolle Eroberungen dar. Religi\u00f6sen Gruppen, insbesondere Orden, kam zudem eine strukturbildende Funktion zu, insofern in der Fr\u00fchen Neuzeit religi\u00f6se und staatliche Macht eng verkn\u00fcpft waren. Einige katholische Monarchien setzten gezielt Orden ein \u2013 so etwa die franz\u00f6sische, die Jesuiten, Kapuziner und Ursulinen \u2013, um ihre Herrschaft in den neuen Gebieten zu festigen. Schlie\u00dflich verbreiteten die Orden nicht nur den \u201ewahren Glauben\u201c. Vielmehr waren sie auch \u00f6konomisch aktiv, sammelten Wissen \u00fcber die Indigenen und versuchten, sie zu treuen Untertanten zu erziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Je nach Situation waren die Missionare aber durchaus darum bem\u00fcht, lokale Br\u00e4uche aufzugreifen und den Einheimischen ein attraktives und verst\u00e4ndliches Angebot zu machen, z.B. indem sie auf das religi\u00f6se Vokabular der zu Missionierenden zur\u00fcckgriffen. Bisweilen mussten sie sich sogar mit durch die Indigenen vorgenommenen religi\u00f6sen Adaptionen arrangieren \u2013, trotz ihrer engen Beziehungen zur kolonialen Macht stie\u00df die fr\u00fchneuzeitliche Mission also auch kulturelle Verschmelzungen an, die nicht immer einseitig zu steuern waren. Uneindeutig und f\u00fcr sie herausfordernd waren zudem Situationen, in denen Missionarinnen auf christliche Gemeinschaften trafen, die sich bereits zuvor und unabh\u00e4ngig von europ\u00e4ischer Intervention gebildet hatten. Dies war z.B. bei den sogenannten \u201aThomaschristen\u2018 in S\u00fcdindien der Fall. Wie sollte man sich diesen autochthonen Christinnen gegen\u00fcber verhalten? Waren sie als gleichwertig anzuerkennen? Diese Begegnungen geben damit nicht nur einen Einblick in die anthropologischen Fragen, die fr\u00fchneuzeitliche Missionarinnen besch\u00e4ftigten. Vielmehr verweisen sie auch auf deren Zusammenhang mit weiterreichenden Entwicklungen der Epoche.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ambivalenz der Religion<\/h2>\n\n\n\n<p>Denn auch bei der grunds\u00e4tzlichen Frage, welcher Status nicht europ\u00e4ischen Menschen zuzubilligen war, spielten Religion und religi\u00f6se Akteurinnen eine pr\u00e4gende und ambivalente Rolle. Auf der einen Seite geh\u00f6rten Missionarinnen zu den fr\u00fchesten Kritikerinnen der transatlantischen Versklavung. Auf der anderen Seite, erkl\u00e4rt Michael Leemann, trieb sie die Frage um, inwiefern Nicht-Europ\u00e4erinnen vollwertige Christinnen sein konnten. \u201eIch habe mich in meiner Forschung mit der Herrnhuter Mission in der d\u00e4nischen Karibikkolonie besch\u00e4ftigt. In den Missionsberichten wird deutlich, dass Missionarinnen die Ansicht vertraten, dass das ,Heidentum\u2018 unter Schwarzen Menschen gleichsam vererbt werde, weshalb sie selbst als Getaufte keine gleichwertigen Christinnen sein k\u00f6nnten. Die Bedeutung von religi\u00f6sen Debatten ist f\u00fcr die Geschichte von Rassismus nicht zu untersch\u00e4tzen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Diese und verwandte Probleme wollen die Wissenschaftlerinnen in drei intensiven Tagen mit rund 30 Studierenden und Doktorandinnen und f\u00fcnf etablierten Expertinnen aus Deutschland und der Schweiz diskutieren. Dieser Statusgruppen \u00fcbergreifende Austausch hat mittlerweile Tradition: Birgit Emich organisiert seit Jahren Sommerkurse zur Geschichte der Fr\u00fchen Neuzeit mit wechselnden Themen, in den letzten Jahren mit Unterst\u00fctzung der Mitglieder der von ihr geleiteten Kollegforschungsgruppe POLY. Auch inhaltlich baut der Sommerkurs auf Vorangegangenem auf. 2023\/24 fand schon ein Seminar zu Mission statt und im Februar 2023 die durch Emich mitorganisierte Tagung <em>The Christian Mission and the Religious Other<\/em>. \u201eBeim Sommerkurs ist es uns ein besonderes ein Anliegen, dass die Teilnehmer*innen vom Standort Frankfurt profitieren. Daher lassen wir uns durch Kerstin von der Krone die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Bibliothek zeigen und besuchen mit Anne Schumann-Douosson das Koloniale Bildarchiv, das ebenfalls Bestand der universit\u00e4ren Sammlungen ist\u201c, f\u00fcgt Emich an.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie kommen Archive, Quellen und Dokumente zustande?<\/h2>\n\n\n\n<p>Zur \u201eHalbzeit\u201c wagt der Kurs sogar einen Ausflug in die Zeitgeschichte: In Kooperation mit dem Kino <em>Mal seh\u2019n<\/em> und dem <em>IFRA-SHS<\/em> wird der belgische Dokumentarfilm <em>Colette &amp; Justin<\/em> gezeigt, der sich mit dem Ende der Kolonialzeit im Kongo auseinandersetzt. \u201eAn dem Film reizt mich\u201c, erl\u00e4utert Xenia von Tippelskirch, die auch in den Film einf\u00fchrt, \u201edass die Grenze zwischen Gut und B\u00f6se, zwischen T\u00e4ter und Opfer nicht eindeutig zu ziehen ist, wie der Regisseur, der seine eigene Familiengeschichte aufarbeitet, schmerzvoll feststellen muss. Au\u00dferdem weist der Film auf ein generelles Problem hin, das mich in der Auseinandersetzung mit Kolonial- und Missionsgeschichte besch\u00e4ftigt: Wie kommen die Archive, die Quellen und Dokumente, aus denen wir die Geschichte rekonstruieren, zustande? Wie kann es gelingen, die Stimmen der Indigenen und Versklavten h\u00f6rbar zu machen?\u201c Dieses Anliegen bleibt eine Aufgabe f\u00fcr zuk\u00fcnftige Forschung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\">Louise Zbiranski ist Referentin f\u00fcr Wissenschaftstransfer und -kommunikation beim Forschungsverbund \u00bbDynamiken des Religi\u00f6sen\u00ab und koordiniert die Arbeit der \u00bbSchnittstelle Religion\u00ab.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Sommeruniversit\u00e4t blickt aus postkolonialer Perspektive auf den Zusammenhang von Religion und europ\u00e4ischer Expansion. 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