{"id":81274,"date":"2024-11-01T14:14:28","date_gmt":"2024-11-01T13:14:28","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=81274"},"modified":"2024-11-01T14:14:53","modified_gmt":"2024-11-01T13:14:53","slug":"kein-sommermaerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/kein-sommermaerchen\/","title":{"rendered":"Kein Sommerm\u00e4rchen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Sportsoziologe Robert Gugutzer hat mit Studierenden das Public Viewing bei der letzten Fu\u00dfball-EM untersucht. Auch weil die \u201eAtmosph\u00e4renprofis\u201c gefehlt haben, war die Stimmung bei den Spielen der deutschen Mannschaft nicht so ausgelassen wie bei der Heim-WM 2006, so ein Fazit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/18_beitragsbild_sommermaerchen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-81275\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/18_beitragsbild_sommermaerchen.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/18_beitragsbild_sommermaerchen-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/18_beitragsbild_sommermaerchen-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/18_beitragsbild_sommermaerchen-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Fan-Zone am Brandenburger Tor bei der EM 2024<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Herr Prof. Gugutzer, vorab eine Frage zum Abschneiden der deutschen Mannschaft: Was sagen Sie als Fu\u00dfball-Experte, kann und darf man mit der Leistung zufrieden sein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Robert Gugutzer:<\/em> Ich denke schon. Bis Anfang des Jahres musste man ja noch damit rechnen, dass die deutsche Mannschaft bei der EM \u00e4hnlich schlecht abschneidet wie bei den drei letzten gro\u00dfen Turnieren. Erst die beiden etwas \u00fcberraschenden Siege im M\u00e4rz gegen Frankreich und die Niederlande stimmten f\u00fcr die EM hoffnungsfroh. Diese Hoffnung hat die deutsche Mannschaft meines Erachtens erf\u00fcllt. Sie hat gut bis sehr gut gespielt und ist ein wenig ungl\u00fccklich gegen die beste Mannschaft des Turniers ausgeschieden. Das kann und darf passieren.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben mit Ihren Studierenden Public-Viewing-Events in Frankfurt besucht \u2013 auf der Fanmeile? Hat das organisatorisch geklappt, konnten die Studierenden die geplante Beobachterposition einnehmen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau, die Studierenden meines Seminars waren prim\u00e4r in der Frankfurter Fanzone unterwegs. Ein Student war au\u00dferdem einmal in der Fanzone in Berlin, ich selber in M\u00fcnchen, und ein paar waren noch in Frankfurter Bierg\u00e4rten unterwegs. Aufgabe der Studierenden war es, mit einer nicht teilnehmenden Beobachtung das atmosph\u00e4rische Geschehen beim Public Viewing wahrzunehmen und zu protokollieren. Sie sollten also mittendrin sein, aber selber nichts tun, au\u00dfer die \u00d6rtlichkeit, die Menschen und die Atmosph\u00e4re zu beobachten. Das hat sehr gut geklappt, nur bei Spielen, wo sehr viele Menschen anwesend waren, konnten sie w\u00e4hrend des Spiels kaum Notizen machen, h\u00f6chstens in der Halbzeitpause. Aber ihre Beobachtungsprotokolle haben sie ohnehin \u00fcberwiegend nach dem jeweiligen Public Viewing erstellt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Gab es auch Herausforderungen, wenn man sich so nah am Forschungsobjekt befindet und sich auch \u00fcber eigene Stimmungen im Klaren werden muss? Was war gewisserma\u00dfen der \u201eLerneffekt\u201c f\u00fcr die Studierenden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr die Studierenden war die Unmenge an Eindr\u00fccken, die auf sie einprasselten. Es ist zwar nicht bei jedem Public Viewing die H\u00f6lle los, aber es passiert schon ziemlich viel bei so einem Ereignis, sodass es schwierig ist zu entscheiden, was bedeutsam ist und festgehalten werden sollte und was eher vernachl\u00e4ssigenswert ist. Das war in der Tat ein methodischer Lerneffekt, den unsere Untersuchung f\u00fcr die Studierenden hatte. Dazu kam, wie Sie sagen, auch die eigene Stimmung methodisch zu reflektieren, genauso wie das eigene Fu\u00dfballwissen oder die pers\u00f6nlichen Erwartungen an das Spiel und die Fans. Die Studierenden sollten aus dieser Studie also mitnehmen, dass in der qualitativen Sozialforschung Subjektivit\u00e4t eine wichtige Erkenntnisquelle ist, weshalb die eigene Stimmung, die pers\u00f6nlichen Gef\u00fchle, Erwartungen, Bef\u00fcrchtungen etc. ernstzunehmen sind. Bei einem Untersuchungsgegenstand wie den Atmosph\u00e4ren ist das offenkundig: Atmosph\u00e4ren haben nicht nur einen \u201eObjektpol\u201c (die Umgebung und Situation), sondern ebenso einen \u201eSubjektpol\u201c, wie der Philosoph Gernot B\u00f6hme sagt. Um die Atmosph\u00e4re beim Public Viewing zu untersuchen, muss man deshalb sich als Forschersubjekt, das selber die Atmosph\u00e4re wahrnimmt, mitber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Was haben Sie mit den Studierenden beobachten und analysieren k\u00f6nnen, hat sich eine spezifische \u201eAtmosph\u00e4re\u201c w\u00e4hrend oder auch au\u00dferhalb des eigentlichen Spiels eingestellt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben 21 der insgesamt 51 Spiele beobachtet, und zwar Gruppen-, Achtel- und Viertelfinalspiele um 15 Uhr (bei den Gruppenspielen), 18\u202fUhr und 21\u202fUhr. Dazu haben die Studierenden 36 Beobachtungsprotokolle verfasst. Die Auswertung der Protokolle im Seminar ergab ein differenziertes Bild von den Atmosph\u00e4ren beim Public Viewing. Wir sprechen von Atmosph\u00e4ren im Plural, weil es aus unserer Sicht keine, wie Sie sagen, \u201espezifische\u201c Atmosph\u00e4re beim Public Viewing gibt, sondern eine Vielzahl an Atmosph\u00e4ren, die zum Teil zeitgleich anwesend sind. Die Studierenden haben z.\u2006B. Familien-, Picknick-, Wohnzimmer-, Kino-, Feierabend-, Volksfest- oder Festivalatmosph\u00e4ren beobachtet. Das hat damit zu tun, dass beim Public Viewing viele verschiedene Menschengruppen anwesend sind und nicht nur Hardcore-Fu\u00dfballfans. Au\u00dferdem konnten wir beobachten, dass es eine Art Grundatmosph\u00e4re gibt, und die ist ruhig, zur\u00fcckhaltend, konzentriert. Atmosph\u00e4rische Abweichungen, also Jubel, Geschrei, Gest\u00f6hne, Geschimpfe oder Ges\u00e4nge, treten prim\u00e4r dann auf, wenn auf dem Bildschirm etwas passiert: Tor, Foul, gute Verteidigungsaktion, (kein) Elfmeter usw. Das hei\u00dft, anders als die vielen Bilder und Berichte in den Medien suggerieren, deutet unsere Studie darauf hin, dass beim Public Viewing keineswegs die ganze Zeit eine ausgelassene, euphorische \u201ePartyatmosph\u00e4re\u201c herrscht. Was im \u00dcbrigen nicht ausschlie\u00dft, dass sich die Leute auf dem Nachhauseweg oder auch noch viel sp\u00e4ter an das Public Viewing als etwas stimmungsm\u00e4\u00dfig Besonderes erinnern.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Haben Sie eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr Ihre Analyse, dass die Stimmung beim Public Viewing gar nicht so toll war, wie es in den Medien r\u00fcberkam?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was die Medien angeht, ist es wohl einfach so, dass sie ein gr\u00f6\u00dferes Zuschauerinteresse erzielen, wenn sie von einer guten Stimmung berichten als von keiner oder gar einer schlechten Stimmung. Die Stimmung in unserem Land ist zurzeit eh nicht die beste, da soll der Fu\u00dfball doch bitte einen Kontrapunkt setzen. Zum Teil ist das auch so, aber eben nicht durchg\u00e4ngig und f\u00fcr alle. Mit Blick auf das Public Viewing wiederum scheint uns, dass es nicht so sehr ein Fu\u00dfballereignis ist, sondern haupts\u00e4chlich ein geselliges Ereignis, f\u00fcr das der Fu\u00dfball lediglich der Anlass ist. Beim Public Viewing sind viele Menschen anwesend, die die Gelegenheit nutzen, an einem ungew\u00f6hnlichen Sport-Ort im Freien eine gute Zeit gemeinsam mit anderen Menschen zu haben. Das sind dann eher Zuschauer als Fans, die auch eher Stimmungskonsumenten als Stimmungsproduzenten sind. Das hei\u00dft, sie warten darauf, dass was passiert, und dann machen sie kurzzeitig selber mit. Das ist f\u00fcr eine tolle Atmosph\u00e4re aber suboptimal, denn damit die entsteht, m\u00fcssen schon alle von sich aus mitmachen. Deshalb ist unseres Erachtens auch die Stadionatmosph\u00e4re tendenziell eine andere als die Atmosph\u00e4re beim Public Viewing: In fast jedem Stadion gibt es Ultras, die unabh\u00e4ngig vom Spielverlauf f\u00fcr Stimmung sorgen, und diese Atmosph\u00e4renprofis fehlen bei den meisten Public Viewing.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und abschlie\u00dfend die Frage: Ein Sommerm\u00e4rchen war das nach Einsch\u00e4tzung vieler Beobachter wohl nicht. Aber das zu erwarten, w\u00e4re vielleicht auch zu viel gewesen. Was hat beim Public Viewing gefehlt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sommerm\u00e4rchen 2.0, wie es vielerorts hie\u00df, war die EM 2024 ganz sicher nicht. Das war aus meiner Sicht auch eine vollkommen \u00fcberzogene Erwartung. Wer wirklich glaubte, dass sich das 2006er-Sommerm\u00e4rchen wiederholen k\u00f6nnte, musste entt\u00e4uscht werden. 2006 war nicht nur das Wetter sommerlich m\u00e4rchenhaft, anders als in diesem Jahr, es war au\u00dferdem eine WM und keine EM, weshalb in Deutschland die \u201eWelt zu Gast bei Freunden\u201c und nicht nur halb Europa zu Gast bei ihrem Nachbarn war, ohne das abwerten zu wollen, denn es hat Deutschland zweifelsfrei gutgetan, tanzende und singende Schotten, Niederl\u00e4nder, T\u00fcrken, Georgier usw. im eigenen Land zu haben. Fu\u00dfballerisch besteht der Unterschied zu 2006 darin, dass Deutschland damals ins Halbfinale kam und auf dem Weg dorthin drei dramatische Spiele (gegen Polen, Argentinien und Italien) hatte, w\u00e4hrend bei der EM dieses Jahr im Viertelfinale Schluss war. Und auch die Public Viewing waren 2006 ganz anders als heuer: Es gab viel weniger Bildschirme, eigentlich immer nur einen \u2013 in Frankfurt waren es dieses Jahr zehn! \u2013, die Treffen vor Ort hatten eher Sit-in-Charakter, w\u00e4hrend es dieses Mal ein durch und durch kommerzielles Event war, und vor allem war 2006 so vieles \u00fcberraschend, spontan und neu, wohingegen dieses Jahr eben die Erwartung herrschte, es m\u00fcsste wieder so werden wie damals. Und das, obwohl doch jeder wei\u00df, dass die spontanen Partys die besten sind.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sportsoziologe Robert Gugutzer hat mit Studierenden das Public Viewing bei der letzten Fu\u00dfball-EM untersucht. 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