{"id":81534,"date":"2024-11-11T09:41:36","date_gmt":"2024-11-11T08:41:36","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=81534"},"modified":"2025-01-24T14:00:02","modified_gmt":"2025-01-24T13:00:02","slug":"nicht-zu-verletzen-geht-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/nicht-zu-verletzen-geht-nicht\/","title":{"rendered":"Veranstaltungsreihe \u201eDiskursr\u00e4ume gestalten:\u201eNicht zu verletzen geht nicht\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unter dem Titel \u201cDiskursr\u00e4ume gestalten\u201c veranstaltet die Goethe-Universit\u00e4t im November universit\u00e4tsweite Wochen zu Rassismus und Antisemitismus. Er\u00f6ffnet wurden sie am 5. November von dem muslimisch-j\u00fcdischen Paar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel in einem Podiumsgespr\u00e4ch \u00fcber die Polarisierung in der deutschen Nahost-Debatte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/beitragsbild_diskursraeume-gestalten-eroeffnung.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-81550\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/beitragsbild_diskursraeume-gestalten-eroeffnung.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/beitragsbild_diskursraeume-gestalten-eroeffnung-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/beitragsbild_diskursraeume-gestalten-eroeffnung-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/beitragsbild_diskursraeume-gestalten-eroeffnung-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Das Paar Saba-Nur Cheema und Meron Mendel engagiert sich seit Jahren f\u00fcr einen j\u00fcdisch-muslimischen Dialog und gegen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit\u00a0<\/em>(Foto: Pia Barth)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eMachen wir uns nichts vor\u201c \u2013 in ihrer Er\u00f6ffnungsrede sprach Prof. Sabine Andresen Klartext. Rassismus und Antisemitismus, so die Vizepr\u00e4sidentin der Goethe-Universit\u00e4t, seien tief verwurzelt in der Gesellschaft und also auch an unserer Hochschule kein Ausnahmefall. Eine Verst\u00e4ndigung zwischen verschiedenen Positionen sei alles andere als ein Selbstl\u00e4ufer, der Dialog schwierig. Umso mehr zu begr\u00fc\u00dfen sei die Initiative von Dr. Thuy Loan Nguyen und Dilara Kanbi\u00e7ak, die beide im B\u00fcro f\u00fcr Chancengerechtigkeit zu Diversity Policies arbeiten und die Wochen organisiert haben. Sie hatten in die Universit\u00e4t hineingefragt und Veranstaltungen geb\u00fcndelt; Angebote von Menschen, die ein Bewusstsein f\u00fcr Diskriminierung schaffen und Empathie f\u00f6rdern wollen. Zum Beispiel mit Vortr\u00e4gen zu Antisemitismus, mit Podiumsdiskussionen wie etwa \u00fcber Stereotype gegen\u00fcber Regionen der Welt am Beispiel Afrikas in Deutschland, mit Workshops \u00fcber diskriminierungsfreie Lehre und Empowerment-Workshops f\u00fcr Studierende mit Rassismuserfahrung. Bei der Veranstaltungsreihe ging es den Kuratorinnen der Reihe vor allem auch darum, die Themen Rassismus und Antisemitismus zusammenzubringen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Er\u00f6ffnung der universit\u00e4tsweiten Wochen haben Thuy Loan Nguyen und Dilara Kanbi\u00e7ak selbst in die Hand genommen \u2013 und die prominenten Referenten Saba-Nur Cheema und Meron Mendel zum Gespr\u00e4ch geladen. Thema: \u201e\u00dcber die Polarisierung in der deutschen Nahost-Debatte. Wie kann der Diskurs besser laufen?\u201c Saba-Nur Cheema ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universit\u00e4t und forscht zu Antisemitismus in der Kindheit. Meron Mendel ist Direktor der&nbsp;Bildungsst\u00e4tte Anne Frank&nbsp;in Frankfurt am Main und seit 2021 zudem Professor f\u00fcr transnationale soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences. Das Paar engagiert sich seit Jahren und besonders seit dem 7. Oktober 2023 f\u00fcr einen&nbsp;j\u00fcdisch-muslimischen Dialog und gegen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit. Cheema und Mendel sind in Moscheen und Unternehmen, in Universit\u00e4ten, Kultureinrichtungen, Schulen und Gemeinden zu Gespr\u00e4chen unterwegs und schreiben gemeinsam die monatliche Kolumne \u201eMuslimisch-J\u00fcdisches Abendbrot\u201c in der FAZ.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eAlle zeigen sich betroffen, alle sind entt\u00e4uscht\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Der muslimisch-j\u00fcdische Dialog ist schwierig &#8211; genauer, er erscheint nahezu unm\u00f6glich. Davon berichtete auch Saba-Nur Cheema im Rahmen der gemeinsamen Arbeit mit Mendel als Kuratoren von Kulturveranstaltungen. Kaum habe eine Referent*in einer bestimmten Position f\u00fcr ein Panel zugesagt, ziehe sich ein Referent aus einem \u201eanderen Lager\u201c zur\u00fcck. Werde dann eine neue Person gewonnen, setze sich das Karussell der Zu- bzw. Absagen fort. Warum der Dialog oft gar nicht erst in Gang komme, die Gr\u00e4ben zwischen muslimischer und j\u00fcdischer Communities immer tiefer w\u00fcrden \u2013 einen Grund daf\u00fcr sieht Meron Mendel in der Selbstbezogenheit vieler, die sich zu Wort meldeten. Wer ein hermetisch geschlossenes Narrativ \u00fcber die Ereignisse im Nahostkonflikt im Kopf habe, bringe sich in die Debatte nur mit dem Ziel ein, die eigene Position zu best\u00e4tigen. Zudem habe die Diskussion \u00fcber den Nahostkonflikt zunehmend eine soziale Funktion erf\u00fcllt: Sie schaffe Peergroups etwa in sozialen Medien, in denen Menschen soziale Heimat f\u00e4nden. \u201eVielen Personen der Gruppe ist dann der Zusammenschluss mit der Gruppe wichtiger als die eigene Meinung\u201c, sagt Mendel. Es herrsche ein hoher Konformit\u00e4tsdruck, der f\u00fcr K\u00fcnstler*innen ebenso gelte wie f\u00fcr alle anderen, die sich in den Communities wohlf\u00fchlten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass zudem \u201eBetroffenheit\u201c als Argument in der Debatte gelte, schr\u00e4nke die M\u00f6glichkeiten von Verst\u00e4ndigung weiter ein. \u201eAlle zeigen sich betroffen, alle sind entt\u00e4uscht\u201c, sagt Saba-Nur Cheema, die wie ihr Mann in der gesamten Konfliktregion Familie und Freunde hat. \u201eAber nein, meistens sie sind nicht wirklich betroffen!\u201c Auch ihr selbst und ihrem Mann gehe es trotz vieler schlafloser N\u00e4chte gut im Vergleich zu denen, die in der Konfliktregion lebten. Das Privileg, als nicht unmittelbar Betroffene Zeit zum Nachdenken \u00fcber einen hochkomplexen und -komplizierten Konflikt zu haben, werde hierzulande nicht wahrgenommen. \u201eEs wird viel zu schnell Partei ergriffen\u201c, meint auch Meron Mendel. Was f\u00fcr das Gegen\u00fcber bedeute, dass im Gespr\u00e4ch nicht zugeh\u00f6rt oder auch \u00fcberzeugt werden solle, sondern \u201eausgeschlossen, vernichtet, ausgegrenzt, zum Verstummen gebracht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eWir m\u00fcssen mehr \u00fcber die Graut\u00f6ne sprechen\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Wenn die Debatte auf der Ebene der Betroffenheit nicht weiterf\u00fchre, \u201ewas kann Dialog dann \u00fcberhaupt bedeuten?\u201c, fragt Dilara Kanbi\u00e7ak in ihrer klugen Moderation der Veranstaltung in der PA-Lobby der Goethe-Universit\u00e4t, zu der mehr als hundert Interessenten gekommen sind. Muslimisch-j\u00fcdische \u201eWohlf\u00fchlprojekte\u201c wie gemeinsames Tandemfahren, Kochen und Fu\u00dfballspielen f\u00fchrten nur dann zu Verst\u00e4ndigung, daran lassen Kanbi\u00e7aks Gespr\u00e4chpartner keine Zweifel, wenn gleichzeitig \u00fcber den Elefanten im Raum \u2013 den gemeinsamen Konflikt \u2013 gesprochen w\u00fcrde. Dabei d\u00fcrften alle Beteiligten nicht zu harmoniebed\u00fcrftig sein, beziehungsweise ihre eigene Verletzlichkeit nicht zum alleinigen Ma\u00dfstab eines gelingenden Gespr\u00e4chs erkl\u00e4ren, meint Mendel. \u201eAuch auf einem Campus muss man sich entscheiden: Will man \u2013 dann aber f\u00fcr alle \u2013 einen <em>safe space<\/em>? Oder will man einen offenen Raum f\u00fcr Streit und Diskussionen?\u201c, fragt Mendel. \u201eDann kann man sich auch mal verletzen. Das muss man in Kauf nehmen. Nicht zu verletzen geht nicht.\u201c Ein auf diese Weise ausgetragener Streit sei dennoch respektvoll m\u00f6glich. F\u00fcr sie selbst seien etwa folgende vier Regeln die Basis jeder Diskussion, erkl\u00e4rt Cheema: \u201eWeder das Existenzrecht des Staates Israel noch das Recht der Pal\u00e4stinenser auf einen eigenen Staat sollen in Frage gestellt werden. Die Gesamtschuld f\u00fcr den Konflikt auf die Schultern einer Partei zu legen, ist per se falsch. Auch verbieten wir uns jeglichen Vergleich zwischen dem Handeln des israelischen Staates und den Nazis \u2013 genauso wie jede andere Form von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus. \u00dcber alles andere kann gestritten werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der muslimisch-j\u00fcdische Dialog ist schwierig \u2013 und doch gebe es ihn schon, betont Saba-Nur Cheema. In Israel werde er etwa in acht j\u00fcdisch-arabischen Schulen t\u00e4glich gelebt. Auch hierzulande w\u00fcrde viel zu wenig \u00fcber die friedlichen Kr\u00e4fte auf beiden Seiten berichtet. \u201eWir m\u00fcssen mehr \u00fcber die Graut\u00f6ne sprechen\u201c, sagt Cheema. Vorbildhaft in diesem Sinne gewesen seien etwa die Arbeiten des israelischen Psychologen Dan Bar-On gemeinsam mit dem pal\u00e4stinensischen Erziehungswissenschaftler Sami Adwan. Ihr israelisch-pal\u00e4stinensisches Geschichtsbuch f\u00fcr Sch\u00fcler*innen war dreispaltig angelegt: die Spalten links und rechts jeweils der Darstellung historischer Ereignisse aus pal\u00e4stinensischer bzw. israelischer Sicht vorbehalten (\u201ewas f\u00fcr den einen ein Gl\u00fccksfall war, war f\u00fcr den anderen eine Katastrophe\u201c). In der Mitte dann: ein leerer Raum f\u00fcr Kommentare der Sch\u00fcler*innen, f\u00fcr eigene Gedanken. Und wenn heute, erkl\u00e4rt Cheema, eine Lehrerin in einer gr\u00fcndlich vorbereiteten Unterrichtsstunde \u00fcber den Nahostkonflikt von einem Sch\u00fcler mit dem Hinweis \u201eDas geht doch schneller!\u201c auf einen 90-Sekunden-Clip bei TikTok zum Thema unterbrochen werde \u2013 ja, dann, sagt sie, dann m\u00fcsse man eben mit Influencer*innen in Kontakt treten. Und sie daf\u00fcr gewinnen, facettenreich \u00fcber den Nahostkonflikt berichten. Diese Anstrengung lohne sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie der muslimisch-j\u00fcdische Dialog vor dem Hintergrund der Polarisierung in der deutschen Nahost-Debatte besser laufen k\u00f6nne, hatte der Titel der Podiumsdiskussion gefragt. Beispielsweise so, wie die Zuschauer das gemeinsame Gespr\u00e4ch von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel erlebten. Der Diskursraum wurde von diesen auf bedachte und anregende Weise er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/series\/diskursraeume-gestalten-universitaetsweite-wochen-gegen-rassismus-und-antisemitismus\/\">Alle Termine im \u00dcberblick<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel \u201cDiskursr\u00e4ume gestalten\u201c veranstaltet die Goethe-Universit\u00e4t im November universit\u00e4tsweite Wochen zu Rassismus und Antisemitismus. Er\u00f6ffnet wurden sie am 5. 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