{"id":82482,"date":"2025-02-11T07:59:00","date_gmt":"2025-02-11T06:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=82482"},"modified":"2025-02-10T11:10:30","modified_gmt":"2025-02-10T10:10:30","slug":"das-ergebnis-der-wahl-wird-keine-grossen-gluecksgefuehle-in-der-bevoelkerung-hervorrufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/das-ergebnis-der-wahl-wird-keine-grossen-gluecksgefuehle-in-der-bevoelkerung-hervorrufen\/","title":{"rendered":"\u201eDas Ergebnis der Wahl wird keine gro\u00dfen Gl\u00fccksgef\u00fchle in der Bev\u00f6lkerung hervorrufen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Politikwissenschaftlerin Brigitte Gei\u00dfel \u00fcber die anstehende Bundestagswahl, \u00fcber Wahlm\u00fcdigkeit und \u00fcber die Notwendigkeit, B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger besser in demokratische Prozesse einzubinden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Frau Prof. Gei\u00dfel, bereits in wenigen Wochen wird der Bundestag gew\u00e4hlt. Es scheint wohl auf einen Kanzler Friedrich Merz hinauszulaufen \u2013 offen ist lediglich, welche der beiden infrage kommenden Parteien seiner CDU die n\u00f6tige Mehrheit bescheren wird. Das ist eigentlich eine etwas langweilige Ausgangsposition vor dem Hintergrund, dass Deutschland vor unglaublich gro\u00dfen Herausforderungen steht. Oder?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Brigitte Gei\u00dfel: <\/strong>Ja, sie ist einerseits langweilig, aber andererseits nat\u00fcrlich auch unglaublich bedenklich. Man kann sagen, dass ungef\u00e4hr ein Viertel der W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler erst gar nicht zur Wahl gehen. Dann hat man jene, die Parteien w\u00e4hlen, die gar nicht in den Bundestag kommen. Das sind immer so zwischen f\u00fcnf und zehn Prozent, die w\u00e4hlen beispielsweise die Tierschutzpartei, DIE PARTEI und \u00e4hnliche Klein-Parteien. Ungewiss ist es bei Die Linke, dem BSW und der FDP, ob sie \u00fcberhaupt in den Bundestag kommen, also potenziell noch mal knapp 15 Prozent der W\u00e4hler. Wenn man alles zusammenrechnet, w\u00e4ren demnach potenziell fast die H\u00e4lfte der W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler nicht im neuen Bundestag vertreten. Das Ergebnis der Bundestagswahl, egal mit welcher Koalition, wird keine gro\u00dfen Gl\u00fccksgef\u00fchle in der Bev\u00f6lkerung hervorrufen, sondern bei der Mehrheit eher Unzufriedenheit. Und das ist das, was mir am meisten Sorgen macht. Zwei weitere Punkte scheinen mir mit Blick auf die Bundestagswahl sehr bemerkenswert: zum einen die Altersstruktur der Wahlberechtigten \u2013 \u00fcber die H\u00e4lfte sind \u00fcber 50. Das d\u00fcrfte nat\u00fcrlich auch bei den Fragen um Zukunftssicherung und Innovationsf\u00e4higkeit eines Landes relevant sein. Zum anderen haben sich bei Befragungen zwei dominierende Themen herauskristallisiert: Wirtschaft und Migration, damit besch\u00e4ftigen sich die Menschen, das sollte sich die Politik zu Herzen nehmen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ist der wahrscheinliche Wahlausgang mit einem Kanzler Merz und einer schwarz-roten oder schwarz-gr\u00fcnen Regierungskoalition ein m\u00f6glicher Grund, warum Leute der Wahlurne fernbleiben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt f\u00fcr die Wahlm\u00fcdigkeit verschiedene Gr\u00fcnde. Die klassische Parteienzugeh\u00f6rigkeit der W\u00e4hler, wie man sie fr\u00fcher kannte, existiert so heute nicht mehr. Der W\u00e4hler\/die W\u00e4hlerin, der\/die sein ganzes Leben lang eine Partei gew\u00e4hlt hat, ist Geschichte. Heute hingegen haben wir immer mehr Wechselw\u00e4hler. Momentan wissen gerade einmal circa 30 Prozent der W\u00e4hler, wen sie bei der Bundestagswahl w\u00e4hlen wollen, und das nur wenige Wochen vor der Wahl. 30 Prozent haben sich noch nicht entschieden, wen sie w\u00e4hlen wollen, und die dritte Gruppe derjenigen, die noch nicht einmal wissen, ob sie \u00fcberhaupt w\u00e4hlen gehen wollen, hatte ich bereits erw\u00e4hnt. Das ist nat\u00fcrlich eine Entwicklung, die sich schon seit einigen Jahren abgezeichnet hat. Ob der wahrscheinliche Wahlausgang mit einem Kanzler Merz die Wahlm\u00fcdigkeit befeuert, ist schwer zu sagen. Hinzu kommt, dass wir aus der Forschung wissen, dass bei Umfragen die Anzahl der Nichtw\u00e4hler immer deutlich geringer ist als dann tats\u00e4chlich bei den Wahlen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Der Vorlauf ist bei dieser vorgezogenen Neuwahl relativ kurz. Ist das ein Problem f\u00fcr die Parteien, ihren Wahlkampf zu f\u00fchren? Aber auch f\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, sich gr\u00fcndlich zu informieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Parteien stellt das in der Tat ein Problem dar, beispielsweise f\u00fcr die Formulierung der Wahlprogramme. Ich vermute mal, dass das aus Sicht der W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler hingegen kein gr\u00f6\u00dferes Problem sein sollte, denn die Unzufriedenheit mit der Ampel-Koalition war schon lange vor deren Ende vorhanden. Somit konnte man sich schon l\u00e4nger auf die Suche nach einer neuen politischen Option begeben. Zumindest kann der Wahl-O-Mat bis Februar aufgebaut werden, was ja f\u00fcr viele auch eine Hilfe ist, zu entscheiden, wen sie w\u00e4hlen und welche Partei ihnen am n\u00e4chsten steht. Und dar\u00fcber hinaus gibt es ausreichend M\u00f6glichkeiten, sich zu informieren. Die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien und die \u00fcberregionalen Tageszeitungen bieten auch einiges an.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Viele nutzen mittlerweile den Wahl-O-Mat, eine internetbasierte Wahlentscheidungshilfe. Wie hoch sch\u00e4tzen Sie den Einfluss ein? Und ist das aus Ihrer Sicht zu begr\u00fc\u00dfen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die wenigsten W\u00e4hler lesen Wahl- oder Parteiprogramme, das ist wohl unbestritten. So gesehen ist der Wahl-O-Mat eine sehr gro\u00dfe Hilfe, um zu eruieren, welche Partei stimmt eigentlich mit meinen Positionen \u00fcberein. \u00dcber die Jahre hat man dieses digitale Angebot verbessert: So kann man Schwerpunkte setzen, nicht alle Fragen m\u00fcssen gleichgewichtet werden. Und man muss festhalten: Der Wahl-O-Mat gibt ja nicht vor, wen man letztendlich w\u00e4hlt. Man bekommt Informationen dar\u00fcber, welche Parteien einem bei bestimmten Fragen nahestehen und welche nicht, die Wahlentscheidung trifft man dann nach wie vor noch selber. Viele Leute sind oft erstaunt dar\u00fcber, was der Wahl-O-Mat ausspuckt. Er liefert eine faktenbasierte Grundlage, aber es gibt nat\u00fcrlich bei jedem W\u00e4hler und jeder W\u00e4hlerin auch emotionale Bindungen zu einem politischen Lager oder einer politischen Partei \u2013 das spielt nat\u00fcrlich auch eine wichtige Rolle.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Viele W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler, sagen viele Beobachter, k\u00f6nnen den klassischen Medien gar nichts mehr abgewinnen und bewegen sich daher lieber nur noch im Internet und auf Social Media.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das macht mir schon Sorgen. Damit komme ich wieder zu dem Aspekt der Nichtw\u00e4hler: Wir wissen, dass Nichtw\u00e4hler meist unzufriedene Menschen sind, die davon ausgehen, dass keine Partei ihre Interessen vertrete. Ebenso gehen viele davon aus, dass ihre Interessen nicht von den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien ber\u00fccksichtigt werden. Ich m\u00f6chte aber an dieser Stelle kein B\u00fcrger- oder W\u00e4hler-Bashing betreiben, nach dem Motto: \u201eDie W\u00e4hler sind einfach zu doof\u201c. Das stimmt auch einfach nicht. Ich glaube, dass sich die \u00d6ffentlich-Rechtlichen ohnehin st\u00e4rker mit dem Vorwurf befassen sollten, dass sie zu regierungsnah berichten. Auch machen die \u00d6ffentlich-Rechtlichen es den misstrauischen, kritischen Menschen an vielen Stellen zu einfach, sich von ihnen abzuwenden, indem sie deren Themen\/Interessen ignorieren.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Nach jetzigem Stand wird die AfD bei \u00fcber 20 Prozent der Stimmen landen. Damit w\u00e4re sie mit Abstand die zweitst\u00e4rkste Kraft, auch wenn sie keine Aussicht hat, Teil einer Regierungskoalition zu werden. W\u00e4re es denkbar, dass sie wie die FP\u00d6 in \u00d6sterreich auch mal zur st\u00e4rksten Kraft im Bundestag aufsteigt und eine Regierung anf\u00fchrt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke nicht, dass die AfD zu irgendeinem Zeitpunkt im Bundestag st\u00e4rkste Kraft werden wird. Aber ich hoffe wirklich sehr, dass die anderen Parteien sich etwas st\u00e4rker an den Interessen der Bev\u00f6lkerung orientieren und weniger aus einer manchmal doch recht elit\u00e4r wirkenden Haltung die AfD-W\u00e4hler prinzipiell f\u00fcr dumm erkl\u00e4ren. Hillary Clinton hat damals im Wahlkampf sinngem\u00e4\u00df gesagt, dass die Trump-W\u00e4hler alle Idioten seien. Das war definitiv nicht der richtige Weg. Nochmal zu Ihrer Frage zur\u00fcck: Ich sehe die Gefahr nicht, dass die AfD die st\u00e4rkste Partei werden k\u00f6nnte. Ich w\u00fcrde aber trotzdem den anderen Parteien ins Gewissen reden: Wieso sorgt ihr nicht daf\u00fcr, dass die Menschen sich von euch vertreten f\u00fchlen? Wie kann es sein, dass eine Partei wie die AfD so viel Erfolg damit hat, zu sagen: \u201aNiemand sonst h\u00f6rt euch zu, nur wir\u2018. Da muss man wirklich etwas tun.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Kanzler Olaf Scholz sucht im Wahlkampf das Gespr\u00e4ch mit den Menschen, andere Politiker machen es ganz \u00e4hnlich. Ist das nur Symbolpolitik oder l\u00e4sst sich daran wirklich ein neuer Politikstil erkennen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sich jetzt als gro\u00dfe b\u00fcrgernahe Partei darzustellen, ist nat\u00fcrlich viel zu kurzfristig gedacht. Das bedarf eines l\u00e4ngerfristigen Plans, um in unserer repr\u00e4sentativen Demokratie wieder mehr B\u00fcrger mitzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie besch\u00e4ftigen sich als Politikwissenschaftlerin mit neuen, b\u00fcrgern\u00e4heren Demokratieverfahren. Was w\u00fcrden Sie sich denn auf Grundlage Ihrer Forschung vielleicht w\u00fcnschen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mein Wunsch ist, dass die Bev\u00f6lkerung sich wieder st\u00e4rker mit der Demokratie identifiziert. Ein kleines Beispiel: Wenn wir hier auf Basis der Zufallsauswahl zu B\u00fcrgerr\u00e4ten einladen, sind wir froh, wenn f\u00fcnf Prozent der Ausgew\u00e4hlten teilnehmen. Es scheint die meisten Menschen einfach nicht zu interessieren. Zum Vergleich ist in der Schweiz der Anteil der Personen, die an B\u00fcrgerr\u00e4ten teilnehmen, deutlich h\u00f6her. Und das, obwohl die Menschen dort \u00fcber die Direktdemokratie ohnehin schon \u00fcber viel mehr Mitbestimmung verf\u00fcgen. Ich w\u00fcnsche mir auch f\u00fcr Deutschland, dass man sich st\u00e4rker mit der Demokratie identifiziert. Die Demokratie scheint von vielen als etwas wahrgenommen zu werden, was nicht so viel mit einem selber zu tun hat. Deswegen auch mein starkes Pl\u00e4doyer, eine st\u00e4rkere Diskussion dar\u00fcber zu f\u00fchren, wie wir eigentlich regiert werden wollen. Also nicht nur Slogans wie: Wir brauchen eine neue Partei, wir sind gegen den Kanzler, wir sind gegen die Regierung, sondern eine st\u00e4rkere Diskussion dar\u00fcber, was in der Bev\u00f6lkerung eigentlich an W\u00fcnschen vorhanden ist, wie ihre Demokratie ausgestaltet sein soll. In jeder Umfrage sagen circa 80 bis 90 Prozent der W\u00e4hler, dass sie mehr mitbestimmen wollen. Wie soll das aber ganz konkret aussehen? Die Mehrheit der W\u00e4hler sagt, wir wollen mehr Volksentscheide. Wir wissen aber ganz wenig dar\u00fcber, auf welcher Ebene: auf Bundes-, Landes-, kommunaler Ebene? Zu allen Themen, von Sozialpolitik zu internationaler Politik? Das sind alles Debatten, die einmal angeregt werden m\u00fcssen, um aus dieser allgemeinen Unzufriedenheit herauszukommen. Das geht jetzt aber nicht in der hei\u00dfen Phase des Wahlkampfes. Wir m\u00fcssen uns langfristig etwas Neues \u00fcberlegen, um die Menschen wieder st\u00e4rker an die Demokratie zu binden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\">Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Brigitte Gei\u00dfel hat die Professur mit dem Schwerpunkt Bundesrepublik Deutschland im europ\u00e4ischen Kontext an der Goethe-Universit\u00e4t inne und ist Leiterin der Forschungsstelle \u201eDemokratische Innovationen\u201c. Von ihr ist zuletzt das Buch zum Thema erschienen: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3224\/84743040\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Demokratie als Selbst-Regieren<\/a>. Demokratische Innovationen von und mit B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern. Opladen, Berlin u. Toronto 2024.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Politikwissenschaftlerin Brigitte Gei\u00dfel \u00fcber die anstehende Bundestagswahl, \u00fcber Wahlm\u00fcdigkeit und \u00fcber die Notwendigkeit, B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger besser in demokratische Prozesse einzubinden. 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