{"id":84198,"date":"2025-05-30T09:31:48","date_gmt":"2025-05-30T07:31:48","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=84198"},"modified":"2025-05-30T09:31:49","modified_gmt":"2025-05-30T07:31:49","slug":"eigensinn-und-menschlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/eigensinn-und-menschlichkeit\/","title":{"rendered":"Eigensinn und Menschlichkeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eEs geht auch anders\u201c steht in gro\u00dfen Lettern auf dem Klappentext seines Buches \u201eWiderstehen. Versuche eines richtigen Lebens im falschen\u201c. Der Soziologe Ferdinand Sutterl\u00fcty hat mit Menschen gesprochen, die nicht nur kritisieren, sondern existenziell f\u00fcr das einstehen, was sie f\u00fcr richtig halten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-full is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/ferdinand-sutterluety-650x450px.jpg\" alt=\"Ferdinand Sutterl\u00fcty, Foto: Uwe Dettmar, Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\" class=\"wp-image-84199\" style=\"width:350px\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/ferdinand-sutterluety-650x450px.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/ferdinand-sutterluety-650x450px-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/ferdinand-sutterluety-650x450px-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/ferdinand-sutterluety-650x450px-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ferdinand Sutterl\u00fcty, Foto: Uwe Dettmar, Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was bewegt einen Wissenschaftler zu einem \u201eethnographischen Reisebericht\u201c? Warum besucht der renommierte Soziologe Ferdinand Sutterl\u00fcty Menschen, die die gesellschaftlichen Zust\u00e4nde, in denen sie leben, aktiv ver\u00e4ndern wollen, um dann seine Gespr\u00e4che mit ihnen zu ver\u00f6ffentlichen? Er hat mit einem Gef\u00e4ngnispsychologen gesprochen, der sich als Seenotretter engagiert; mit einer polnischen Hotelputzkraft, die sich gegen Dem\u00fctigung und Ausbeutung wehrt; mit einer K\u00fcnstlerin, die ihr Werk Transfrauen im Sexbusiness widmet; mit einer introvertierten und hoch qualifizierten Forstbeamtin, die sich gegen eine rigide M\u00e4nnerherrschaft in der Amtsstube mit einer Klage wehrt; oder mit einem Bergbauernpaar, das seinen Hof in einem alten gemeinwirtschaftlichen Gef\u00fcge \u00fcber Wasser h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignright size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/buch-widerstehen-ferdinand-sutterluety-650x450px.jpg\" alt=\"Das Buch \u201eWiderstehen. 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Versuche eines richtigen Lebens im falschen\u201c von Ferdinand Sutterl\u00fcty ist 2025 in der Hamburger Edition erschienen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Jedes Gespr\u00e4ch beginnt mit einer Schilderung des Autors von seiner Anreise, mal mehr oder weniger etappenreich, \u00fcber Bahnh\u00f6fe, an denen der Zug nur nach Bedarf h\u00e4lt, in entlegene Bergh\u00fctten, in Klassenzimmer einer Berufsschule und rustikale Wohnk\u00fcchen. Zu nerv\u00f6sen, unterk\u00fchlt startenden oder herzlich begr\u00fc\u00dfenden Menschen. Die dann folgende Begegnung und die bewegenden wie anregenden Gespr\u00e4che kreisen um die Frage, was die Menschen zu ihrem widerst\u00e4ndigen Handeln treibt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Herr Prof. Sutterl\u00fcty, Sie haben bislang wissenschaftliche B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht. \u00bbWiderstehen\u00ab ist keinem wissenschaftlichen Genre zuzuordnen. Was ist es dann f\u00fcr ein Buch?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ferdinand Sutterl\u00fcty:<\/strong> Ich denke, es liegt irgendwo zwischen Wissenschaft und Literatur; es besteht aus dokumentarischen Erz\u00e4hlungen. Wenn ich nicht Soziologe w\u00e4re, h\u00e4tte ich das Buch allerdings so nicht schreiben k\u00f6nnen. Denn hinter der Art und Weise, wie ich die Interviews gef\u00fchrt und dann auch bearbeitet habe, steckt viel Analyse. Diese steht aber ganz im Dienst der Personen, mit denen ich gesprochen habe. F\u00fcr mich sind diese Personen selbst Intellektuelle und bed\u00fcrfen daher nicht meiner Kommentierung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Im Vorwort sprechen Sie von einer \u00bbethnographischen Reise\u00ab zu diesen Menschen. Was macht diese Reise aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte die Gesamtgestalt der Lebensf\u00fchrung dieser Menschen erschlie\u00dfen, ohne das von ihnen Erz\u00e4hlte und von mir Beobachtete analytisch zu zerhacken. Darin besteht die vielleicht gr\u00f6\u00dfte Abweichung gegen\u00fcber qualitativer Sozialforschung im herk\u00f6mmlichen Sinn. In der Darstellung des Materials wollte ich auch die Diktion der Menschen beibehalten und in einen gut lesbaren Text hin\u00fcberretten. Wie die Menschen sprechen, ist n\u00e4mlich oft bereits Teil ihres widerst\u00e4ndigen Handelns. Beim Schreiben hatte ich tats\u00e4chlich den Eindruck, mich mit jeder Person in einem anderen Universum zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wenn es nicht das Biographische ist, worum ging es Ihnen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mich interessierten die Praktiken widerst\u00e4ndigen Handelns. Es ging mir um Beispiele von Menschen, die ziemlich radikal auf Missst\u00e4nde der Gesellschaft reagieren. Um mit Adorno zu sprechen: Menschen, die definitiv die Auffassung haben, dass wir alle im falschen Leben unterwegs sind; die aber versuchen, darin einen richtigen Weg einzuschlagen. Ich finde diese Personen sehr inspirierend. Immer wieder habe ich in den letzten Jahren geh\u00f6rt, dass sich die Strukturen \u00e4ndern m\u00fcssten, um soziale Ungleichheiten abzubauen und zu einer nachhaltigeren Form des Wirtschaftens zu gelangen. Das ist vollkommen richtig, nicht aber der h\u00e4ufige Nachsatz, dass das Verhalten des oder der Einzelnen irrelevant sei. Strukturen haben n\u00e4mlich weder Arme noch Beine. Sie ver\u00e4ndern sich nicht selbst. Die Strukturen kommen in meinem Buch aus der Perspektive handelnder Menschen in den Blick, die auf deren desastr\u00f6sen Effekte reagieren.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sie h\u00e4tten auch auf Verschw\u00f6rungstheoretiker treffen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Stimmt, wenn ich zu den Interviews aufbrach, wusste ich nicht immer, was mich erwartet. Tats\u00e4chlich hatte ich auch denkw\u00fcrdige Begegnungen, denn im Widerspruch f\u00fchlen sich momentan von der extremen Rechten bis hin zu esoterischen Kreisen viele ganz wohl. Ich habe mir aber die Freiheit genommen, nur Personen in meinem Buch zu portraitieren, die weitreichende Entscheidungen f\u00fcr sich getroffen und meines Erachtens zukunftsweisende Lebensentw\u00fcrfe entwickelt haben. Es geht um Personen, die in diesem Sinne Hoffnungstr\u00e4gerinnen sind und Anregung geben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ihr letztes Buch, wohlgemerkt ein wissenschaftliches, trug den Titel \u201eVerdeckter Widerstand in demokratischen Gesellschaften\u201c. Nun haben Sie den Titel \u201eWiderstehen\u201c gew\u00e4hlt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ob Widerstand nun verdeckt ist oder nicht, war mir am Ende gar nicht mehr so wichtig; offener und verdeckter Widerstand gehen ohnehin oft ineinander \u00fcber und bedingen sich wechselseitig. \u201eWiderstehen\u201c schien mir als Titel passend, weil alle dargestellten Personen mit ihrer ganzen Existenz, m\u00f6chte man fast sagen, Widerstand gegen vielf\u00e4ltige Ungerechtigkeiten und gegen die Zerst\u00f6rungswut unserer Zeit leisten. Widerstehen kann aber auch hei\u00dfen: einer Versuchung widerstehen; dem Konsum widerstehen; der Suche nach Anerkennung widerstehen, die ein konventioneller Lebenslauf einbringen w\u00fcrde. Zum Titel kann man auch ein Ausrufezeichen hinzudenken und ihn als Imperativ verstehen im Sinne von: Widerstehen ist das Gebot der Stunde! Diese Lesart w\u00fcrde mir gut gefallen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Nach meinem Eindruck ist in den von Ihnen dargestellten Gespr\u00e4chen beides vorhanden: Widerstehen als Verweigerung, als Sand-im-Getriebe-Sein und auch als positiver Gegenentwurf, als Impuls, wie es anders sein k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es gibt viel Eigensinn in diesem Buch. Aber auch viel Menschlichkeit und Einsatz f\u00fcr andere. F\u00fcr soziale Problemlagen sind unserer Wahrnehmung nach ja h\u00e4ufig Institutionen oder der Sozialstaat zust\u00e4ndig. Die Menschen, die ich getroffen habe, f\u00fchlen sich jedoch von anderen und ihrem Leid direkt, von Person zu Person, angesprochen. Die Putzfrau k\u00e4mpft f\u00fcr andere in ihrer Branche. Der Seenotretter, der von seinem Schiff eigentlich nur Notf\u00e4lle melden soll, nimmt gro\u00dfe Risiken in Kauf, um Gefl\u00fcchteten zu helfen. Die K\u00fcnstlerin versteht sich als \u00dcbersetzerin zwischen den Transfrauen in der Sexbranche und der Heterowelt. Indem sich meine Protagonistinnen und Protagonisten von den Lebenssituationen der anderen anrufen lassen, f\u00fchren sie ein sehr reichhaltiges Leben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Hat Sie etwas in den Gespr\u00e4chen \u00fcberrascht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberrascht hat mich, dass die meisten von sich sagen, dass sie quasi schon von Geburt an oder seit fr\u00fcher Kindheit widerst\u00e4ndig gewesen seien und nicht anders k\u00f6nnten. Derartige Aussagen lassen sich zumindest teilweise als Abwehr dagegen deuten, sich selbst zu heroisieren und sich \u00fcber andere zu erheben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die Personen sind beim Erz\u00e4hlen ganz bei sich und sprechen den Leser doch unmittelbar an. War es das, was Sie wollten? In einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Ihr letztes wissenschaftliches Buch sagten Sie, es habe in Ihnen Erfahrungshunger ausgel\u00f6st.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das stimmt, und ich konnte dem nun auch Abhilfe schaffen. Als ich mein neues Buch zu planen begann, spielte auch eine gewisse Frustration dar\u00fcber eine Rolle, mit akademischen Publikationen immer nur andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ansprechen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr das neue Buch habe ich mir deswegen viele Gedanken \u00fcber die Form der Darstellung meines Materials gemacht. Wenn die acht Portraits nun die Leserinnen und Leser anregen, \u00fcber ihre eigene Lebensf\u00fchrung nachzudenken, h\u00e4tte sich meine Intention schon erf\u00fcllt. Wenn dann noch etwas motivierende Freude an den Figuren und der sprachlichen Verarbeitung ihrer Geschichten hinzuk\u00e4me, w\u00e4re es umso sch\u00f6ner.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Hatten Sie Vorbilder?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Direkte Vorbilder hatte ich nicht. Eine gewisse Orientierung gab mir der legend\u00e4re Interviewer, Radiomoderator und Autor Studs Terkel, der aus dem Umfeld der Chicago School of Sociology kam. Auch die reportageartigen Werke der belarussischen Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich wei\u00df nicht, wie viele soziologische, sozialpsychologische und historische B\u00fccher man lesen m\u00fcsste, um den \u00dcbergang der Sowjetunion in den oligarchischen Kapitalismus so begreifbar zu machen, wie es Alexijewitsch mit den kleinen Episoden gelingt, aus denen sich ihr Buch \u201eSecondhand-Zeit\u201c zusammensetzt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und ganz pers\u00f6nlich: Was hat das Buch bei Ihnen ausgel\u00f6st?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Erst einmal fand ich es wunderbar, den Schreibtisch und meinen Computer zu verlassen. Ich habe Zeit mit den im Buch dargestellten Menschen verbracht, und die Arbeit an ihren Interviews hat mich in meinem eigenen Denken wirklich beeinflusst. Oft sinne ich dar\u00fcber nach, dass wir eine v\u00f6llig andere Vorstellung von Wohlstand brauchen. Dar\u00fcber kann man beispielsweise vom Bergbauernpaar viel lernen. Vom Seenotretter ist wiederum sehr viel dar\u00fcber zu h\u00f6ren, was alles im Namen unseres Wohlstands in Europa geschieht \u2013 mit t\u00f6dlichen Folgen f\u00fcr andere, die uns scheinbar wenig angehen. Diese \u00dcberlegungen waren mir nicht neu, aber sie wurden durch erfahrungsnahe Anschauung intensiviert und vertieft. Ein untergr\u00fcndiges Thema meines Buches ist, wie bereits angesprochen, auch der Verzicht auf Anerkennung nach landl\u00e4ufigen Kriterien. Gerade der Wissenschaftsbereich ist meines Erachtens doch sehr anerkennungssensibel. Mir scheint es daher wichtig zu sein, sich von den vielen kleinen und gro\u00dfen Anreizen, mit denen die universit\u00e4ren Steuerungsinstrumente arbeiten und Anerkennung verteilen, nicht korrumpieren zu lassen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs geht auch anders\u201c steht in gro\u00dfen Lettern auf dem Klappentext seines Buches \u201eWiderstehen. Versuche eines richtigen Lebens im falschen\u201c. 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