{"id":86151,"date":"2025-10-29T08:05:00","date_gmt":"2025-10-29T07:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=86151"},"modified":"2025-10-26T19:38:48","modified_gmt":"2025-10-26T18:38:48","slug":"mein-beruf-war-und-ist-weiterhin-mein-hobby","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/unireport\/mein-beruf-war-und-ist-weiterhin-mein-hobby\/","title":{"rendered":"\u201eMein Beruf war und ist weiterhin mein Hobby\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der emeritierte Biologe R\u00fcdiger Wittig ist auch mit fast 79 Jahren noch forschend unterwegs. Besonders haben es ihm die Moore seiner Heimat Westfalen angetan.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/11_Der-Biologe-Ruediger-Wittig_650x450px.jpg\" alt=\"Links: Auf Moorbegehung: R\u00fcdiger Wittig in seinem Lieblingselement \u00a9 Jens Elmer Rechts: Schafherde im Amtsvenn. \u00a9 R\u00fcdiger Wittig\" class=\"wp-image-86152\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/11_Der-Biologe-Ruediger-Wittig_650x450px.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/11_Der-Biologe-Ruediger-Wittig_650x450px-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/11_Der-Biologe-Ruediger-Wittig_650x450px-500x346.jpg 500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/11_Der-Biologe-Ruediger-Wittig_650x450px-18x12.jpg 18w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Links: Auf Moorbegehung: R\u00fcdiger Wittig in seinem Lieblingselement \u00a9 Jens Elmer\nRechts: Schafherde im Amtsvenn. \u00a9 R\u00fcdiger Wittig<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Das Amtsvenn ist ein Moorgebiet im nordwestlichen M\u00fcnsterland. Lange Zeit wurde von der dort ans\u00e4ssigen Bauernschaft sehr stark Torf abgebaut, was der Stabilit\u00e4t dieser einzigartigen Landschaft nicht gerade zutr\u00e4glich war. Erst seit Anfang der 1980er-Jahre steht das Gebiet, bei dem es sich ohnehin nur noch um die Reste eines ehemals weitaus gr\u00f6\u00dferen Hochmoorgebietes handelt, unter Naturschutz. Wie hat es sich seitdem entwickelt, konnte sich das Moor regenerieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Geradezu pr\u00e4destiniert f\u00fcr die Beantwortung dieser Frage ist wohl der Biologe R\u00fcdiger Wittig, Professor f\u00fcr Geobotanik und \u00d6kologie an der Goethe-Universit\u00e4t, seit 2013 emeritiert. Seine Habilitationsschrift zum Thema Moore und oligotrophe (n\u00e4hrstoffarme) Gew\u00e4sser enth\u00e4lt zahlreiche Pflegevorschl\u00e4ge und bildete damit eine Grundlage f\u00fcr das Management dieser Gebiete.<\/p>\n\n\n\n<p>Wittig befindet sich im sogenannten \u201aUnruhestand\u2018, mit zahlreichen Forschungsprojekten hat er sich seit seiner Pensionierung besch\u00e4ftigt. \u201eIch habe mir fr\u00fcher immer gew\u00fcnscht, nach meiner Dienstzeit zu Themen zur\u00fcckzukehren, die mir besonders am Herzen liegen. Als Biologe an einer Universit\u00e4t widmet man sich heutzutage vor allem Forschungsthemen, die international auch wahrgenommen werden. Die Moore Westfalens geh\u00f6ren nicht unbedingt dazu. Da waren meine Arbeiten zu den Auswirkungen des Sauren Regens und des Eintrags von Schwermetallen, zur Stadt\u00f6kologie sowie die im Rahmen eines interdisziplin\u00e4ren Sonderforschungsbereiches durchgef\u00fchrten Untersuchungen zur Bedeutung der Vegetation der westafrikanischen Savanne f\u00fcr die lokale Bev\u00f6lkerung aus universit\u00e4rer Sicht nat\u00fcrlich interessanter. Weil mein Beruf zugleich mein Hobby ist, kann ich mich seit meiner Emeritierung wieder Themen widmen, die gewisserma\u00dfen direkt vor meiner Haust\u00fcre liegen.\u201c Im Falle des Wolbecker Tiergartens ist das durchaus w\u00f6rtlich zu verstehen: Dieser liegt nur einen Steinwurf von Wittigs Haus entfernt. In einer k\u00fcrzlich erschienen Publikation konnte der Biologe unter anderem aufzeigen, dass das ehemalige Jagdgebiet von Adligen seit \u00fcber 800 Jahren mit Wald bedeckt ist und somit das \u00e4lteste Waldgebiet der westf\u00e4lischen Bucht darstellt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nat\u00fcrliche und anthropogene Einfl\u00fcsse<\/h2>\n\n\n\n<p>Moorlandschaften, die auch gerade wegen ihrer an der Oberfl\u00e4che kaum sichtbaren Wasserfl\u00e4chen und Feuchtgebiete tief im kulturellen Ged\u00e4chtnis verankert sind \u2013 man denke nur an die vielen Abenteuerfilme und Krimis, die im Moor spielen \u2013, haben es dem Biologen angetan. \u201eWer sich in einem Hochmoor gut auskennt, l\u00e4uft nicht Gefahr, einzusinken. Man muss nur die gut bewachsenen Stellen erkennen, die f\u00fcr eine gewisse Stabilit\u00e4t sorgen.\u201c Wittig ist gerade erst von einer mehrt\u00e4gigen Moorbegehung des erst nach Erstellung seiner Habilitationsschrift unter Schutz gestellten, noch bis Ende 1980 in Abtorfung begriffenen Amtsvenns zur\u00fcck. Dabei lie\u00df er sich von einem ausgewiesenen Moosfachmann, Dr. Carsten Schmidt, begleiten, denn die nicht leicht zu unterscheidenden diversen Torfmoosarten bilden den wichtigsten Bestandteil der Moorvegetation und sind wichtige Indikatoren f\u00fcr den Zustand der Moore bez\u00fcglich Re- oder Degeneration sowie Eutrophierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie lautet nun Wittigs Bilanz? \u201eZuerst einmal muss man festhalten, dass die Regeneration entw\u00e4sserter, teilabgetorfter Hochmoore von zahlreichen Faktoren abh\u00e4ngt, wobei ausreichende Feuchtigkeit unerl\u00e4sslich ist, also feuchtes Klima und hochstehendes, n\u00e4hrstoffarmes Grundwasser an erster Stelle zu nennen sind. Solange der Torf kleinb\u00e4uerlich abgebaut wurde, bildete sich ein enges bandf\u00f6rmiges Mosaik aus schmalen Torfkuhlen und Torfrippen: Die schmalen ausgehobenen Kuhlen f\u00fcllten sich schnell mit Wasser und waren durch die seitlich angrenzenden, dem Abtransport des Torfs dienenden Torfrippen windgesch\u00fctzt, sodass es in den Gew\u00e4ssern nicht zu Wellenschlag kommen konnte.\u201c Nur so k\u00f6nnen sich flutende Torfmoose ansiedeln, eine stabile Decke \u00fcber dem Wasser bilden und die Grundlage f\u00fcr die Ansiedlung von Wollgras bilden. Dieses stabilisiert mit seinen Wurzeln die Moosdecke, sodass sich schlie\u00dflich die f\u00fcr Hochmoore bezeichnenden Torfmoos-Arten und darauf dann Glocken- und Rosmarinheide etablieren k\u00f6nnen. In industriell, das hei\u00dft gro\u00dffl\u00e4chig abgetorften Mooren bilden sich entsprechend gro\u00dffl\u00e4chige, windbeeinflusste Moorgew\u00e4sser ohne Torfmoosdecke. Derartige Gew\u00e4sser ziehen zudem Wassergefl\u00fcgel, insbesondere G\u00e4nse, an, die mit ihrem Kot zur Eutrophierung der Gew\u00e4sser beitragen. \u201eSo pittoresk aus touristischer Sicht auch G\u00e4nseschw\u00e4rme \u00fcber dem Moor aussehen m\u00f6gen \u2013 f\u00fcr den Erhalt des Moores ist das alles andere als gut\u201c, betont Wittig. Die Moore Nord- und Mitteleuropas sind sensible Biotope, f\u00fcr deren Erhalt einiges getan werden muss. Im Amtsvenn sorgt der gro\u00dfe Appetit einer daf\u00fcr eigens angeschafften Schafherde, dass sich keine B\u00e4ume ansiedeln. \u201eDenn B\u00e4ume haben einen gro\u00dfen Wasserverbrauch, das k\u00f6nnen die Moore in Nordwestdeutschland nicht vertragen\u201c, erl\u00e4utert Wittig. Der wichtigste Faktor f\u00fcr die Regenerierung eines Moores hat nun aber auch mit dem Klimawandel zu tun, betont er: Besonders die letzten Jahre waren insgesamt zu trocken. \u201eTypisch f\u00fcr eine Hochmoorregeneration ist der Wechsel von nassen und wechseltrockenen Stellen, Erstere konnte ich bei meiner letzten Begehung im Amtsvenn kaum finden. Fr\u00fcher musste ich mit beinhohen Stiefeln durch das Moor waten, jetzt hingegen reichen normale Stiefel. Das zeigt deutlich, dass die Entwicklung zu einem Hochmoor aus klimatischer Sicht im Amtsvenn eher unwahrscheinlich ist\u201c, so Wittig etwas entt\u00e4uscht. Zus\u00e4tzlich sind es auch weitere anthropogene Faktoren, die den Wasserhaushalt im Amtsvenn beeinflusst haben: So wurden notwendige Ma\u00dfnahmen, um die Entw\u00e4sserung des Moorgebietes einzud\u00e4mmen, offensichtlich nicht ausreichend umgesetzt. Auch auf die Landwirtschaft kommt Wittig zu sprechen: Die starke D\u00fcngung in manchen Gebieten tr\u00e4gt zur Eutrophierung von B\u00f6den und Gew\u00e4ssern bei. Dabei hat der Biologe durchaus Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Landwirte aufgrund von strengen Marktmechanismen manchmal un\u00f6kologisch handeln. Er betont aber: \u201eDie Stickstoffeintr\u00e4ge sind zu hoch! Insgesamt hoffe ich dennoch, dass ich mit meiner Forschung einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass eine hochsensible Landschaftsform wie das Hochmoor erhalten bzw. regeneriert werden kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der europ\u00e4ische B\u00fcffel \u2013 doch nicht integrierbar?<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie schwierig \u00d6kologie und \u00d6konomie, Naturschutz und Landwirtschaft zu vereinbaren sind, hat Wittig auch mit einem anderen, gerade in Hessen sehr popul\u00e4ren Projekt erlebt: Im April 2013 wurde eine Gruppe von Wisenten in die Freiheit der Wittgensteiner W\u00e4lder ausgewildert. Wittig war kurz vor seiner Emeritierung damit beauftragt worden zu untersuchen, inwiefern diese europ\u00e4ischen B\u00fcffel eine m\u00f6gliche Gefahr f\u00fcr Wiesen und W\u00e4lder darstellen. \u201eWir haben das auf einer daf\u00fcr ausgewiesenen, acht Hektar umfassenden Waldfl\u00e4che getan. Nach unseren Ergebnissen damals bestand keine Gefahr f\u00fcr die Flora.\u201c Doch es kam leider anders: Die ausgewilderte Herde machte sich vom ersten Tag an \u00fcber Baumrinden her. \u201eM\u00f6glicherweise war eine neue Leitkuh daf\u00fcr verantwortlich, die dieses Verhalten in die Herde hineingetragen hat\u201c, mutma\u00dft Wittig. Auch weil die Wisente das daf\u00fcr vorgesehene Waldgebiet, das der mittlerweile verstorbene Prinz Richard zu Sayn-Wittgenstein zur Verf\u00fcgung gestellt hatte, \u00f6fter verlie\u00dfen und in benachbarte W\u00e4lder vordrangen, liefen private Waldbesitzer Sturm. Momentan befindet sich die Herde wieder in einem geschlossenen Wildgatter, die Zukunft des Auswilderungsprojektes ist ungewiss.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Forschen auf der Skipiste und in W\u00e4ldern<\/h2>\n\n\n\n<p>Was w\u00fcnscht sich der Biologe noch f\u00fcr seine Forschung? Steht man als Emeritus vor bestimmten Herausforderungen, auch jenseits universit\u00e4rer Strukturen? \u201eAndere pflegen als Pension\u00e4re ihre Hobbys, gehen Golfen oder halten sich ein Segelboot, ich gehe eben ins Gel\u00e4nde\u201c, lacht er. Eine kleine finanzielle Unterst\u00fctzung erf\u00e4hrt er bisweilen auch, beispielsweise von der Akademie f\u00fcr \u00f6kologische Landesforschung in Westfalen, kann Fahrt- und \u00dcbernachtungskosten teilweise abdecken. \u201eMein gro\u00dfer Wunsch ist, noch m\u00f6glichst lange gesund zu bleiben und weiterhin forschen zu k\u00f6nnen. Die Moorbegehung war doch mitunter anstrengend, wie ich feststellen musste \u2013 man f\u00e4llt ab und zu in ein Wasserloch. Mich daraus wieder zu befreien, dauert heute deutlich l\u00e4nger als fr\u00fcher.\u201c Doch ein anderes, etwas weniger k\u00f6rperlich forderndes Projekt m\u00f6chte Wittig gerne mit seiner Frau, die auch Biologin ist, realisieren: Sie wollen den Bestand der B\u00e4rlapp-Arten im Rothaargebirge kartieren. Vor einigen Jahren haben die beiden bereits einen Artikel dazu ver\u00f6ffentlicht, nun w\u00fcrden sie die Ergebnisse gerne aktualisieren. \u201eInteressanterweise hat der Wandel des Skitourismus auch mit zur Ver\u00e4nderung der B\u00e4rlapp-Best\u00e4nde beigetragen\u201c, wei\u00df Wittig zu berichten: zun\u00e4chst positiv, zur Vermehrung seltener beziehungsweise zum Wiederauftauchen erloschener Arten aus der Gruppe der Flach-B\u00e4rlappe, seit Einf\u00fchrung der k\u00fcnstlichen Beschneiung aber negativ, n\u00e4mlich zum allm\u00e4hlichen R\u00fcckgang und inzwischen zum v\u00f6lligen Erl\u00f6schen dieser Artengruppe im Rothaargebirge. Da alle ein-<br>heimischen B\u00e4rlapp-Arten k\u00fchles Klima ben\u00f6tigen, ist zu untersuchen, wie sich die in W\u00e4ldern wachsenden Best\u00e4nde der verbliebenen Arten (Keulen-, Schlangen- und Tannen-B\u00e4rlapp) entwickelt haben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der emeritierte Biologe R\u00fcdiger Wittig ist auch mit fast 79 Jahren noch forschend unterwegs. Besonders haben es ihm die Moore seiner Heimat Westfalen angetan. 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